Von Ilse Meudtner

Spaniens neuer Apartmentführer gibt Auskunft: Wo überall an der Küste und im Binnenland werden Apartments vermietet? Wo stehen Bungalows? 840 Seiten stark ist dieses Lexikon der Ferienfreude; es bietet für 1970 über 29 000 Objekte mit insgesamt 105 000 Betten an, das sind – nüchtern, trocken ausgedrückt – 18,3 Prozent mehr als im Jahr zuvor.

Das Vermietungsgeschäft blüht. Immer mehr hotelmüde Zeitgenossen (und Camper) interessieren sich für komfortabel eingerichtete Apartments und Bungalows, für mietbare Ferienheime, in denen sich der Urlaub persönlicher, bequemer gestalten läßt. Die angebotenen Objekte finden sich an allen Küsten des Landes, sind je nach Leistungen in vier Preiskategorien eingeteilt, bieten durchschnittlichen Komfort bis Luxus (staatlich festgesetzt und strengstens kontrolliert) – der Feriengast kann sich auf die detaillierten. Angaben des Apartmentführers durchaus verlassen.

Natürlich findet man unter diesen Angeboten keine oder nur wenige individuelle Traumhäuser; da gleicht ein Apartment dem anderen, ein Bungalow dem nächsten aufs Haar (man sieht es später auf den Photos). Anscheinend haben sich die Architekten auf einen Plan geeinigt. Das Massenvermietungsgeschäft verlangt Massenorganisation. Bis zur Bratpfanne ist alles genormt. Nur die Dialekte der im Mietpreis einbegriffenen Putzfrauen differieren.

Aber der hübsch aufgemachte Ferienkatalog verrät nicht alles. Zwischen den Touristikzentren, die um die Flughäfen entstanden sind – hauptsächlich um Barcelona, Alicante und Malaga – liegen noch weite Strecken unerschlossenen Landes; da haben kleine Privatunternehmer gebaut, Häuser, die verkehrstechnisch nicht so günstig zu erreichen sind. Das sind die Perlen, die Individualisten gern fänden, wenn sie nur wüßten, wo mit dem Suchen anfangen. – Zum Beispiel in Andalusien:

Fünfhundert Kilometer lang ist Gottes himmelblaue Lieblingsküste, die Costa del Sol. Den schönen Namen erfand ein Engländer, und nach Ansicht der Einheimischen ist den Engländern sogar die Entdeckung, das heißt die touristische Industrialisierung des sonnigen Küstenstreifens zu verdanken. Sie kauften hier vor vielen Jahren Land für Pfennige, siedelten sich an, Fischerdörfer mauserten sich zu weltbekannten Badeorten. Von den 21 Millionen Touristen, die Spanien 1969 besuchten, sonnten sich sechs Prozent an der Costa del Sol und die meisten davon zwischen Malaga und Marbella, dem touristisch am meisten entwickelten Teil der Küste.

Torremolinos, oder Klein-Chikago-Andaluz, ist das Vergnügungs-Eldorado. Hier ist Betrieb das ganze Jahr; in jedem Keller eine Band, das Publikum wird immer jünger. Bis Marbella, dem internationalen Adelstreffpunkt, geht der Rummel, erheben sich die Wolkenkratzergalerien, die weiterhin aus jeder, auch der kleinsten Lücke wachsen. Östlich und westlich von diesem etwa 50 Kilometer langen Streifen wird es stiller. Manche Orte machen zwar große Anstrengungen, sich dem touristischen Boom anzuschließen – im Osten Almunecar, Salobrena und Roqueta del Mar, im Westen Estepona – dennoch kann von Betrieb kaum die Rede sein. Und der Rest? Von den 500 Kilometern der Costa del Sol schlummert gut die Hälfte in landschaftlichem Urzustand, und an den Stränden sind mehr Fischer als Touristen.