Von Wolfram Siebeck

Ich fühle mich verpflichtet, auf einen Umstand aufmerksam zu machen, der, besonders jetzt in den ersten Frühlingstagen, von der Öffentlichkeit leichtfertig übersehen wird: der Umstand nämlich, daß in weniger als sechs Monaten Oktober ist. Daß es also bald wieder kalt sein und kurz darauf schneien wird. Der Winter ist im Anmarsch.

Es liegt mir nichts daran, den Sommer zu verschweigen. Aber er, der besser Zwischenwinter genannt werden sollte, hat nicht im entferntesten die Bedeutung, die ihm von seinen Anhängern zugemessen wird. Diese bedauernswerten Illusionisten setzen ihn mit frostfreien Nächten gleich, mit steigenden Tagestemperaturen und sogar mit Sonnenschein. Aber ein kurzer Blick in den Kalender genügt, um erkennen zu lassen, wie es denn mit den Sonntagen beschaffen ist: Sie treten nur alle sieben Tage auf. Das sind von jetzt bis Oktober sechsundzwanzig Tage oder gute drei Wochen. Der Rest ist Winter.

Vielleicht dient es dem Abbau der Illusionen, wenn wir die anderen Wochentage nicht mehr so unverbindlich mit Montag, Dienstag, Mittwoch und so weiter bezeichnen, sondern ihnen der Realität angepaßte Namen geben, wie Eistag, Nebeltag, Regentag, Hageltag, Schneetag, Matschtag.

Noch aber genügt eine einzelne treibhausgezogene Frühlingsblume, um auch nüchterne Menschen in einen Taumel der Begeisterung zu versetzen. Trotz des nahenden Winters werden warme Pelzmäntel leichtsinnig in die hinterste Schrankecke gehängt, Wollsocken eingemottet und Zentralheizungen kleingedreht. Ein Volk, das seine meteorologische Situation so sehr verkennt, wird früher oder später eine frostige Enttäuschung erleben. In unseren Breitengraden heißt das: schon bald.

Es gibt, leider muß es gesagt werden, einflußreiche Kreise, die die Bevölkerung in ihren falschen Hoffnungen bestärken. Durch die Produktion von Sonnencremes, Badeutensilien und ähnlichen Requisiten der Volksverdummung, versuchen sie, von der rauhen Wirklichkeit abzulenken. Der Eifer, mit dem sie dabei vorgehen, zeigt, wie nah uns der Winter schon ist.

Diesen gewissenlosen Verführern wollen wir ein energisches Halt entgegenrufen! Keiner soll unvorbereitet in eine Jahreszeit hineinschlittern, in der jeder schneebedeckte Krokus, jede vom Nachtfrost geknickte Tulpe und jeder Rheumaanfall als das erkannt werden müssen, was sie sind: Vorboten des Winters.

Vorbei für alle Welt das märchenhafte Phänomen, die vorübergehende Wetterstörung, die kurze Zeit, die es zu überstehen gilt. Wir haben einen Winter, und was für einen! Wartet nur ein paar Wochen.