Rudolf Hellmann wurde wegen versuchten Totschlags angeklagt

Von Karl-Heinz Janßen

Hamburg

Einer der prominenten Frauenärzte Deutschlands, der Hamburger Gynäkologe Dr. Rudolf Hellmann, wurde unter der Anklage des versuchten Totschlags an einem Siebenmonatskind vor ein Schwurgericht gestellt. Für den 64jährigen Leiter einer Privätklinik und Präsidenten der Dick-Read-Gesellschaft ist allein schon der Vorwurf existenzgefährdend. Es mag sich für ihn als Ehrenrettung erweisen, daß drei Sachverständige ihm vor Gericht die Möglichkeit eines Irrtums bescheinigten.

Hellmann hatte am Abend des 12. Februar 1968 eine Frühgeburt für nicht lebensfähig erklärt, doch dank des aufopfernden Mutes einer Hebamme, des Drängens mehrerer Schwestern und der Kunst anderer Ärzte überlebte das Kind. Mag ihm ein Tötungsvorsatz nicht nachzuweisen sein (und schon gar nicht der Verdacht sich bestätigen, er habe das Kind im Auftrage der Eltern sterben lassen wollen), so bleiben auch nach dem Prozeß Fragen genug: Wann darf ein Arzt in einer Grenzsituation die Entscheidung über Tod und Leben fällen? Gibt es verläßliche Daten, um die Lebensfähigkeit eines Neugeborenen zu beurteilen? Dürfen komplizierte Krankheitsfälle Privatkliniken überlassen werden, oder sollten sie grundsätzlich modern ausgestatteten und personell gut besetzten Universitätskliniken überlassen bleiben?

Der massig wirkende Angeklagte mit den auffallend breiten Koteletten sitzt die meiste Zeit scheinbar apathisch auf seinem Stuhl; nur wenn er ins Erzählen kommt, geht zuweilen sein "köllsches" Temperament mit ihm durch. Aber man glaubt den vielen Müttern, die durch seine Hände gingen, aufs Wort, daß Hellmann bei Geburten und Operationen durch seine souveräne Ruhe, aber auch durch seine Kunstfertigkeit das Vertrauen seiner Patientinnen gewinnt, unter denen Filmschauspielerinnen ebenso zu finden sind wie Dritte-Klasse-Versicherte. Die Mehrzahl seiner Patientinnen freilich entstammt dem Hamburger Mittelstand und den gehobenen Kreisen. Über die Stadtgrenzen hinaus gelangte sein Ruhm, als er sich für die Lehre von der "angstfreien, schmerzarmen, natürlichen Geburt" einsetzte, wie sie der britische Arzt Grantly Dick-Read entwickelt hatte. Hellmann hat das Buch seines Freundes ins Deutsche übersetzt. In seiner 35-Betten-Privatklinik in der hochfeinen Heilwigstraße hat er mehr als 2000 Kindern nach dieser Methode zum Leben verholfen.

"Ich lebe nur von der Mund-zu-Mund-Propaganda", meint er allzu bescheiden, denn sie war so erfolgreich, daß er in den sechziger Jahren zu seiner Villa noch ein Nachbarhaus dazukaufen und ein anderes mieten konnte. Die Seele des Unternehmens – "beste Mitarbeiterin", Geburtshelferin, Verwaltungs- und Personalchef in einem – ist seine Frau Ella. Die Personalfluktuation in dieser Klinik war außergewöhnlich hoch, und daran scheint Frau Hellmann nicht ganz unbeteiligt zu sein, die offensichtlich ein strenges preußisch-patriarchalisches Regiment führte: Spannungen zwischen Frau Hellmann und dem Personal entluden sich in eben jener Nacht, die nun vor Gericht verhandelt wird.