Von Marion Gräfin Dönhoff

Nun ist das fragile Gleichgewicht, mit dem das Genfer Abkommen 1954 den französischen Indochina-Krieg nach achtjähriger Dauer beendete, endgültig zerstört. Seit dem Sturz Sihanouks hat das kunstvoll equilibrierte kambodschanische Friedensparadies aufgehört zu existieren. Jetzt herrscht Bürgerkrieg in allen drei Staaten des ehemaligen Indochina.

Und jetzt, so ist zu vermuten, wird das Schicksal dieser Länder von den Großmächten entschieden werden, denn die nationalen Führer, die jahrelang genau dagegen und für einen unabhängigen Neutralismus gekämpft haben, die sind nicht mehr da: Ho Tschi Minh, der große alte Mann, ist tot, und Sihanouk, der Seiltänzer, der von Peking aus zur Gründung einer "nationalen Befreiungsarmee" aufgerufen hat, ist damit dem Gesetz, nach dem er angetreten war und regiert hat, untreu geworden.

Der nationale Neutralismus – oder neutrale Nationalismus –, den viele Asienkenner für das einzig wirksame Bollwerk gegen das Übergewicht Chinas in Südostasien gehalten haben, hat also dort keine Bleibe mehr. Eine Neutralisierung in diesem Teil der Welt scheint illusorisch geworden. Was wird die Alternative sein? Ein chinesisches Großreich, dem alle jene bisher unabhängigen monarchischen und republikanischen Staaten tributpflichtig sind?

Augenblicklich steht alles auf des Messers Schneide: Niemand außer Prinz Sihanouk hat bisher eindeutig Stellung bezogen – nicht einmal Peking und Hanoi. Beide haben bisher weder ihre totale Ablehnung des neuen Regimes von Pnom Penh kundgetan noch sich für eine Exilregierung Sihanouks erklärt. General Lon Nol, der neue Machthaber Kambodschas, versucht mit allen Mitteln zu beweisen, daß die neue Regierung die alte Fahne des Neutralismus hochhält, und man geht wohl nicht fehl in der Annahme, daß Washington alles vermeiden möchte, was ein neues amerikanisches Engagement heraufbeschwören könnte.

Aber die Weichen sind so gestellt, die Interessen der meisten Beteiligten so gelagert, daß dieser Schwebezustand nicht lange aufrechterhalten werden kann. Und je nachdem, wohin sich dann die Gunst des Schicksals zu neigen anschickt, dorthin werden alle eilen, um möglichst noch vor dem Eintritt endgültiger Ereignisse schon dazusein.

Zwar haben Hanoi und der Vietcong ihre Botschafter aus Pnom Penh abberufen, aber sie haben die diplomatischen Beziehungen noch nicht abgebrochen; zwar beteuert Pnom Penh immer wieder seine Neutralität, aber es hat den Hafen von Sihanoukville für alle Schiffe gesperrt, die den Kommunisten Waffen und Munition bringen – eine Maßnahme, die die Truppen Hanois und des Vietcong in Südvietnam schwer trifft, denn jahrelang hatte eine chinesische Transportfirma den Nachschub zwischen Sihanoukville und dem Mekongdelta bewerkstelligt.