Noch sind Gesteinsproben vom Mond für Geld nicht zu haben, und wären sie es, dann würde ihr Grammpreis, nach den Beschaffungskosten kalkuliert, nicht eben volkstümlich sein. Doch scheint es möglich, daß ein Stoff, der unvergleichlich viel billiger ist (in der Preisliste eines Meteoriten-Händlers ist er mit ein bis zehn Mark je Gramm verzeichnet), dasselbe bietet: ein Stück Mond als Schreibtischzierde.

Es handelt sich dabei um „Tektite“, kugel- bis tropfenförmige Glaskörper von dunkelbrauner oder grüner Farbe und unterschiedlicher Größe –, selten größer als eine Faust, meist sehr viel kleiner. In den Lehrbüchern werden sie als Appendix zum Kapitel der Meteoriten behandelt – mit einem unüberhörbaren Mißmut, der daher rührt, daß man immer noch nicht weiß, wie sie entstanden sind und woher sie kommen.

Daß es sich nicht um Meteoriten handelt, steht jedenfalls fest, wenngleich winzige Mengen Nickeleisen, die man in ihnen eingeschlossen fand, auf einen Zusammenhang mit Meteoriten hindeuten. Die Tektite bestehen zu etwa 75 Prozent aus Kieselsäure und stellen offenbar aufgeschmolzenes Gesteinsmaterial dar; zwar ähneln sie dem vulkanischen Glas Obsidian, haben aber mit vulkanischen Erscheinungen gewiß nichts zu tun.

Tektite finden sich nur in bestimmten Gegenden der Erde: an einigen Stellen Nordamerikas, an einer einzigen Stelle in Afrika, sehr häufig in Böhmen (Moldavite) und, vor allem, auf einem breiten Streifen von Tasmanien und Australien über Indonesien bis zu den Philippinen (Australite, Javanite).

Über die Entstehung der Tektite gibt es viele Theorien; zwei davon haben die größte Wahrscheinlichkeit für sich. Die eine stammt von dem Nobelpreisträger Harold C. Urey und besagt, der Zusammenstoß eines Kometen mit der Erde habe bewirkt, daß irdisches Gestein zu Glas geschmolzen und hoch über die Atmosphäre hinausgeschleudert wurde; später seien die Glasfladen wieder auf die Erde niedergegangen und beim Eintritt in die Atmosphäre neuerlich angeschmolzen worden, woher ihre aerodynamischen Formen rührten.

Da es gelungen ist, den Zeitpunkt zu bestimmen, zu dem der Schmelz Vorgang stattgefunden haben muß, ließ sich Ureys Theorie sehr schön mit dem Beispiel der Moldavite illustrieren: Sie sind genauso alt wie der Ries-Kessel bei Nördlingen, von dem man heute allgemein annimmt, daß er der Einschlagkrater eines großen Meteoriten ist. Für die australisch-asiatischen Tektite könnte dann ein ähnlicher Krater zuständig sein, den man unter dem Eis der Antarktis geortet zu haben glaubt.

Jetzt kommt aus Amerika die Nachricht, Dr. David R. Chapman vom Ames Research Center der NASA in Mountain View (Kalifornien) habe Beweismaterial für eine andere Entstehungstheorie zusammengetragen, die schon vor sieben Jahren von J. A. O’Keefe vorgeschlagen wurde. Auch O’Keefe dachte an außergewöhnlich heftige Meteoritentreffer – allerdings nicht auf der Erde, sondern auf dem Mond; bei diesen Einschlägen sei das Mondgestein zu Glas verschmolzen und aus dem Schwerefeld des Mondes hinausgeschleudert worden; zumindest einen Teil davon habe die Erde eingefangen, und beim Niedergehen hätten die Glasspratzer ihre Tropfenform erhalten – ähnlich wie es Urey bei seiner Deutung annimmt.