Wolf-Dietrich Rüfenacht: „Liebe, Tod und Trinkgeld“, ZEIT Nr. 9

Die Menschen lassen sich in zwei Klassen einteilen: in solche, die Geld haben, und in solche, die kein Geld haben. Erstere fahren im Sommer nach Mallorca, letztere im Winter. Beide Kategorien haben die gleichen Pflichten: nicht murren und Trinkgeld zahlen. Aber sie haben nicht die gleichen Rechte: Im Winter hat man nicht das Recht, sein Hotelbett, die Sonne, das Meer ohne Schuldgefühle zu genießen: Alles ist Geschenk, von Anspruch kann keine Rede sein. Die armen Reiseunternehmer und Hotelbesitzer sind auf die Groschen der Rentner angewiesen. Der Mensch ist nur soviel wert, wie er zahlt.

Soziale Beziehungen in der Wohlstandsgesellschaft sind monetärer Art, Mitmenschlichkeit ist unzumutbar, Liebe anrüchig. Nur Leute mit dicken Brieftaschen sind überhaupt Menschen, die anderen sind „deutsche Rentner“ (ohne Bad zu Hause, verfressen und Bildzeitung-lesend); „krebsrote Witwen“, „glatzköpfige Wandersieute“, „wacklige Liebespaare“. Wenn solche Menschen zweiter Klasse sich schon nach Mallorca wagen, dann sollten sie es tun im Geiste tiefster Dankbarkeit gegen ihre Wohltäter, die Reiseunternehmer, Hoteliers, Chartergesellschaften und wer sich sonst noch zusammentut, um eigentlich gar „nicht so recht zu verdienen“.

Und sie sollten ihre Dankesschuld dadurch verringern, daß sie den Vermerk „Trinkgelder im Pauschalpreis enthalten“ so nehmen, wie er gemeint ist, nämlich nicht ernst, und sich benehmen wie Menschen, die wissen, daß sie eigentlich nur geduldet sind in einer Gesellschaft, in der nur der Zahlungskräftige Vollmitglied ist.

E. E. Lau, Soziologiestudentin, München