Von Eka von Merveldt

Vogelgezwitscher oder Radiomusik wecken den Hotelgast, statt der schrillen Telephonklingel. Telephone haben keine Drehscheibe mehr, man drückt Knöpfe. Viele Fahrstühle in den blinkenden Hochhauspalästen, Expreßlifts, die nur in wenigen Stockwerken halten, werden nicht mehr durch den Druck auf Knöpfe gerufen, sie reagieren auf leichtes Antippen einer Scheibe. Soeben ist das höchste Gebäude Japans in Tokio fertig geworden. Es hat 40 Stockwerke, ist 152 Meter hoch und stellt das schlanke, 36stöckige Turmhaus Kasumigaseki, bisher Tokios ganzer Stolz, in den Schatten.

In den brandneuen Luxushotels, die rechtzeitig zur Expo fertig wurden, wie das erweiterte „Imperial“ in Tokio, das „Oriental“ in Kyoto- und „The Plaza“ in Osaka, leuchtet noch zu später Stunde eine rote Lampe im Zimmer auf, die anzeigt, daß man eine wichtige Nachricht erhielt, während man irgendwo in dem weiträumigen Haus den Abend verbrachte.

Als ein wahres Wunderwerk technischen Könnens und ein Vehikel, das das Reisen zum Vergnügen macht, erweist sich der blanke Superexpreß Hikari („der Blitz“), der für die Strecke Osaka–Tokio (515 Kilometer) nur drei Stunden und zehn Minuten braucht. Das Flugzeug, einmal in der Luft, ist schneller: eine Stunde. Aber die Anfahrt zum Flugplatz dauert von manchen Punkten der zerfließenden Städte Tokio und Osaka aus schon zwei bis vier Stunden. Die Geschwindigkeit des Blitz-Zuges macht sich nicht unangenehm bemerkbar, der Hikari schüttelt nicht. Nur der große Geschwindigkeitsanzeiger im Speisewagen macht darauf aufmerksam, daß man mit 180 und 200 Kilometern in der Stunde auf Rollen dahinsaust und für kurze. Augenblicke sogar 210 Stundenkilometer erreicht. Und man sieht dabei etwas: Die Kanto-Ebene, in der Tokio liegt, den um diese Jahreszeit schneeweißen Fuji, Hügel und Täler, die Bucht von Sagami am Pazifik und nach einigen Tunneldurchfahrten kugelige Teeplantagen, Kyoto, die Stadt der hundert Tempel und Schlösser. Schließlich Osaka.

Das technologische Können in Japan ist so perfekt, daß der gaijin, der Fremde, der sich zur Expo aufgemacht hat, glauben könnte, er sei, wie Kolumbus, in eine falsche Richtung gereist und in den USA angekommen. Auch die jungen Mädchen sehen ganz so aus wie auf der Fifth Avenue in New York. Seit ich Japan zum erstenmal vor mehr als zehn Jahren sah, ist auch hier ein „Fräuleinwunder“ geschehen: Internationale Mode-Ideen, Kosmetik und ein neues Selbstbewußtsein haben die Frauen verändert, verschönt und kosmopolitisch geformt. Nachts strahlen die unendlichen Städte in einem Lichtermeer, das London und New York übertrumpft. Auf den ersten Blick sieht es so aus, als wolle das dynamische neue Japan das alte Bild der Kirschblüten, Geishas, der Noh-Spiele und Teezeremonie vergessen lassen. Alles scheint zu schreien: Wir sind die Größten, wir laufen mit den Hasen und jagen zugleich mit den Hunden! In Osaka ist der Busineß-Geist am härtesten, ist die Energie grenzenlos. Aber ich kenne in dieser Weltstadt des Kommerz’ Konzernherren und Industriekapitäne, die schlüpfen aus dem vorgeschriebenen dunklen Geschäftsanzug mit Leichtigkeit in den Kimono. Sie können Bilanzen ebenso lesen wie sie Haiku-Verse schreiben, und sie versenken sich morgens in die Stille der Teezeremonie, ehe sie in ihrem schwarzen „President“ (dem japanischen Mercedes) in ihr Hauptquartier fahren. Fremde lernen schnell den Morgengruß dieser Handelsstadt auf der Honshu-Insel: Moukari makka (Hast du schon etwas verdient?). Ein Musiker antwortete mir auf diesen Gruß: „Nein. Ich versuche es immer noch mit Beethoven, aber mit dieser Musik ist nicht mehr viel zu verdienen.“

Osaka ist die Stadt der Pfeffersäcke und – der alten Reichtümer. Osaka, mit 3,5 Millionen Einwohnern die zweitgrößte Stadt Japans (die gleichnamige Präfektur zählt sieben Millionen), ist die Metropole des Handels, der Banken, des Finanzwesens, die beherrschende City des Kansai- oder Kinki-Distrikts. Dieses urbane Areal, das Kobe und Kyoto einschließt, ist durch Expreßzüge in schneller Folge, im Vorortverkehr sozusagen, erschlossen. Zwischen Osaka und Kobe und Osaka–Kyoto dauert die Fahrt 25 und 35 Minuten.

Osaka spricht für Westjapan und ist in Aussehen und Struktur ein Spiegelbild von Hamburg und Mailand, vermischt mit japanischen Dörfern; zudem, von Kanälen durchzogen, ein „Venedig von Japan“, nur fehlt die geistvolle kosmopolitische Atmosphäre Italiens.