Von Arno Hahnert

Ich weiß nicht, wer widerwärtiger wirkt: Kiesinger mit seinem lauten Geschimpfe und dem bösen Gesicht, das an einen alten Fuchs erinnert, dem die Trauben der neubestimmten, politischen Richtlinien zu sauer schmecken, oder Rainer Barzel, der mit öliger Stimme der Demagogie abschwört, um sofort und kaum verhüllt seine demagogischen und unaufrichtigen Fragen zu stellen ...“

Wir saßen im kleinen Freundeskreis zusammen. Jochen R., vierzig Jahre alt, Oberschuldirektor im Osten Berlins, kommentierte Kiesingers Selbstdarstellung während des Stuttgarter CDU-Parteitages vom 21. März auf dem Bildschirm. Man stimmte ihm allgemein zu.

„Warum, um Gottes willen, schimpft denn die CDU? Noch ist ja nichts Entscheidendes passiert. Was in Erfurt geschah, ist doch erst ein ganz vorsichtiges Abtasten gewesen. Ich würde Willy Brandt sogar vorwerfen, daß er sich noch nicht einmal zum Kern der Probleme geäußert hat...“ Marianne F. ist Schauspielerin und oft für das Adlershofer Fernsehen tätig; auch ihre Meinung wurde von den Anwesenden akzeptiert:

Einer allerdings, ein junger Soziologiestudent der Humboldt-Universität, Jürgen P.,protestierte: „Gerade ihr im Fernsehen, ihr solltet schweigen! Genau 12 Stunden bevor der Bonner Diplomat Dr. Sahm in Willy Brandts Auftrag bei Dr. Schüssler eintraf, zeigtet ihr, wie Brandt gemeinsam mit Franz Josef Strauß den Salon ein und derselben ‚Gunstgewerblerin‘ besuchte. Hetze und Verblödung, wohin man sieht!“

Der Jungsoziologe spielte auf eine Szene des fünfteiligen Axel-Cäsar-Springer-Filmes an, der im wesentlichen seine Zielrichtung unterhalb der Gürtellinie gesucht hatte. Willy Brandt, pikanterweise vom Hermann-Göring-Darsteller des Thälmann-Filmes, Kurt Wetzel, dargestellt, war zusammen mit Strauß, der seine Kleider ordnet, auf dem Sofa einer zweifelhaften Dame zu sehen gewesen. Es war ein höchst unwürdiger fernsehpublizistischer Auftakt zum bevorstehenden Gipfelgespräch. Viele Zuschauer kritisierten die Sendung, auch Marianne F. nannte sie unappetitlich und unseriös.

Die Resonanz der DDR-Bevölkerung auf das Erfurter Gespräch ist zwiespältig und, wie mir von mancher vertraulichen Äußerung her erscheint, vorwiegend skeptisch. „Hat sich denn das Fahrgeld für Willy Brandt überhaupt gelohnt?“ fragte mich der sechzigjährige Maurerpolier Karl R. aus der Wollankstraße im Norden Berlins. „Den Brandt haben sie doch gleich eingeseift. Sein ehrlich entgegengebrachtes Vertrauen kann sich gegenüber solchen Machthabern doch nicht behaupten ...“ Der alte Maurerpolier spricht bedächtig, seine Charakterbeurteilung Ulbrichts, Stophs und Honeckers hat sich aus vielen bitteren Enttäuschungen im Verlauf eines Vierteljahrhunderts geformt.