Vor nun fast einem Jahrhundert war er die Sensation des jungen Deutschen Reichs und der europäischen Diplomatie – der Konflikt zwischen Bismarck und Arnim, zwischen dem ersten Reichskanzler und dem ersten deutschen Botschafter im geschlagenen Frankreich nach 1871. Was einst die Gemüter in den Salons erhitzte, reicht jetzt nur noch zu einer etwas matten Dissertation eines amerikanischen Historikers in Oxford –

George O. Kent: „Arnim and Bismarck“; The Clarendon Press, Oxford 1968; 213 Seiten, 42 sh.

Der Autor rekonstruiert an Hand der amtlichen Korrespondenz zwischen Bismarck und Arnim die Divergenzen zwischen beiden. Sie begannen, als Arnim während des I. Vatikanischen Konzils preußischer Gesandter am Vatikan war. Die Kontroverse entfaltet sich über die Frage, welche Politik gegenüber Frankreich einzuschlagen sei.

Sorgfältig wägt Kent Recht und Unrecht bei beiden Kontrahenten ab: hier Arnim, zweifellos hochbegabt, aber auch ehrgeizig, als Diplomat schwankend zwischen treffenden Analysen und abenteuerlichen Prognosen, als alt-preußischer Konservativer auf seiner Eigenschaft als Botschafter des Königs und Kaisers beharrend; dort Bismarck, eifersüchtig über seinen Rechten als Leiter der Außenpolitik wachend, besorgt, keinen Nebenbuhler als Nachfolger hochkommen zu lassen; beide nicht immer korrekt in ihrem Vorgehen.

Da Bismarck am längeren Hebel und näher an der Macht saß, setzte er sich schließlich durch: Arnim wurde Anfang 1874 entlassen, anschließend wegen der Weigerung, bestimmte Dokumente aus seiner Botschafterzeit herauszurücken, zu Gefängnis verurteilt. Er entzog sich der Haft durch Exil im Ausland, wo er, ein gebrochener Mann, 1881 gestorben ist.

Die Nüchternheit und Unparteilichkeit, mit der dieser amerikanische Historiker das Drama herabspielt, in allen Ehren, aber er tut es so sehr im Stil traditioneller Diplomatiegeschichte, daß der wissenschaftliche Ertrag enttäuscht. Immerhin, er weist einigen älteren deutschen Historikern und den Herausgebern der „Großen Politik“ Einseitigkeiten nach; in den Aktenpublikationen wurde der große Bismarck durch allerlei Manipulationen zu Lasten des unterlegenen Arnim herausgestrichen; allzu beflissen ergriffen die deutschen Historiker die Partei ihres Nationalheros. Aber das ganze Geschehen bleibt merkwürdig blaß. Was fehlt, ist die Einordnung des Geschehens in die Zeit, ist die politische Relevanz.

Nachträglich erscheint Arnim als ein vollendeter Tor, weil er gegen den „Eisernen Kanzler“ anzutreten wagte, aber nur deshalb, weil Kent nicht erläutert, daß Bismarck Anfang der 70er Jahre lange krank war, so daß damals die Hoffnung auf sein baldiges Ausscheiden gar nicht so unberechtigt war. Ferner: Hatte Arnim wirklich keine weitergehende politische Konzeption als das, was uns Kent höchst bruchstückhaft mitteilt? Immerhin war Arnim unmittelbar nach der Reichsgründung der Kristallisationspunkt einer ganzen alt-preußischen Opposition gegen Bismarck; von ihr erfährt man bei Kent so gut wie nichts.