Von Gerhard Prause

Es ist jetzt hundert Jahre her, daß auf Thera, einer 75 Quadratkilometer großen Kykladeninsel etwa 100 Kilometer nördlich von Kreta, zum erstenmal Menschen der Neuzeit auf Spuren der vor dreieinhalb Jahrtausenden untergegangenen Hochkultur der Minoer stießen. Damals holte man von der Vulkaninsel, die die Italiener Santorin nennen, für den Bau des Suezkanals Bimsstaub, der dort in ungeheuren Mengen liegt und, mit Kalk gemischt, einen äußerst haltbaren Zement ergibt. Beim Abbau der Bimssteinschicht war man auf Mauerreste gestoßen, und eine daraufhin nach Thera entsandte archäologische Expedition fand im April 1870 die Ruinen mehrstöckiger Häuser mit freskengeschmückten Wänden und kunstvoll bemalten Keramikgefäßen.

Daß es sich um Spuren der Minoer handeln könne, begriff man erst später; damals waren die minoischen Paläste Kretas noch nicht entdeckt. Als diese dann gefunden und freigelegt wurden – der berühmteste in Knossos (seit 1900 von Sir Arthur Evans), wo König Minos im Labyrinth den Minotauros gefangenhielt –, konzentrierte sich alles auf Kreta, und die Funde auf Thera gerieten in Vergessenheit. Heute jedoch, nach neuen erfolgreichen Grabungen, vertreten einige Wissenschaftler die Ansicht, nicht Kreta, sondern Thera sei das Zentrum der minoischen Kultur gewesen. Mehr noch: Thera, einst sehr viel größer als heute, nachdem es um 1500 v. Chr. bei einem ungeheuren Ausbruch seines Vulkans teils in den Fluten versank, teils unter einer gewaltigen Aschenschicht begraben wurde, sei identisch mit dem von Plato beschriebenen Atlantis.

Diese Ansicht vertreten auch der englische Gräzist J. V. Luce und der amerikanische Ozeanograph James W. Mavor, der selber zwei wissenschaftliche Expeditionen nach Thera organisiert und dort auch an Grabungen teilgenommen hat, in

J. V. Luce: „Atlantis – Legende und Wirklichkeit“; Gustav Lübbe Verlag, Bergisch-Gladbach; 344 S., 44,– DM

und

James W. Mavor: „Reise nach Atlantis – Wissenschaftler lösen das Rätsel einer Weltkatastrophe“; Molden Verlag, Wien/München; 332 S., 22,– DM.