München

Was Anwälte und Journalisten in jahrelangen Bemühungen nicht vermochten, könnte jetzt einem Schriftsteller gelingen: Die Öffentlichkeit so aufzurütteln, daß die Justiz dem Drängen nach Wiederaufnahme des Mordprozesses gegen Vera Brühne und Johann Ferbach nachgibt. Der Schriftsteller heißt Ulrich Sonnemann, ist Psychologe und hat eine Broschüre verfaßt, mit der er unter anderen den CSU-Vorsitzenden Franz Josef Strauß und den bayerischen Justizminister Philipp Held gegen sich aufbrachte. Auf Veranlassung der beiden Politiker würde das Buch mit dem Titel „Der bundesdeutsche Dreyfus-Skandal; Rechtsbruch und Denkverzicht in der zehn Jahre alten Justizsache Brühne–Ferbach“ in der vergangenen Woche gerichtlich beschlagnahmt. Gegen Sonnemann, der 1934 vor den Nazis aus Deutschland geflüchtet war und Verleger Klaus-Peter Rogner, wurde ein Ermittlungsverfahren wegen Beleidigung und übler Nachrede eingeleitet.

Sonnemanns Vorwürfe sind hart. Er wirft den Staatsanwälten und Richtern, die Vera Brühne und Johann Ferbach 1962 wegen Mordes an dem Arzt Otto Praun und seiner Haushälterin Elfriede Kloo hinter Zuchthausmauern brachten, nicht nur Mogelei, Schlamperei, Denkfaulheit, Willkür der Beweiswürdigung und Manipulation vor, sondern stellt auch die These auf, Brühne und Ferbach seien nach aller Wahrscheinlichkeit Opfer eines „hochpolitischen Justizskandals“ und nur verurteilt worden, um von den wahren Schuldigen (die Sonnemann freilich nicht nennt), abzulenken. Vieles spreche jedoch dafür, daß Praun in eine Waffenschmuggelaffäre verwickelt gewesen sei, die in seiner Ermordung gipfelte. Brisanteste Anschuldigung, deren Verbreitung inzwischen durch eine einstweilige Verfügung untersagt worden ist: Strauß sei offenbar in den Fall verwickelt gewesen.

Nachdem Sonnemanns Thesen („Vera Brühne und Johann Ferbach waren verurteilt, ehe sie den Gerichtssaal betraten“), die er zuerst in einem Feature über den Hessischen Rundfunk verbreitet hatte, zunächst ohne größere Resonanz geblieben waren, entschloß sich der Verlag zur Provokation. Er schickte Held und Strauß je ein Exemplar ins Haus.

Die Reaktion kam wie erwartet. Die Justiz machte gegen Sonnemann („Denkfaulheit ist Verbrechen, wenn man nicht Dekorateur, sondern Richter ist“) und seinen Verleger mobil. Die Münchner Boulevardzeitungen berichteten über die Beschlagnahmeaktion in Schlagzeilen. Den geschäftlichen Schaden schätzt Verleger Rogner gering. Von dem Taschenbuch waren ohnehin nur 3000 Exemplare gedruckt worden. Wie das Verfahren freilich ausgeht, ist ungewiß. Die Justiz werde ihre Glaubwürdigkeit nur dadurch bewahren können – belehrte der Rechtsanwalt und Vorsitzende des Bayerischen Journalistenverbandes, Ernst Müller-Meiningen jr., öffentlich Richter und Staatsanwälte – „daß sie nicht etwa den Kritiker Sonnemann bloß wegen irgendwelcher Formalbeleidigungen zur Verantwortung zieht, sondern daß sie den Wahrheitsbeweis für seine Behauptungen im weitesten Maße zuläßt“.

Klaus Menne