Der Eremit, der am Ostersonntag in seinem roten Holzhaus im Tal von Vermont, in Neuengland, verschieden ist, war dem Gedächtnis seines Volkes schon bei Lebzeiten entrückt. Nur in der älteren Generation kann man noch Menschen treffen, deren Augen bei dem Namen Heinrich Brüning aufleuchten. Sie werden nicht müde, den Alt-Kanzler zu loben: seine Integrität, die Reinheit seines Wesens, seine Sachgerechtigkeit, sein Pflichtgefühl, das Ethos selbstlosen Dienens – Eigenschaften mithin, die ein wenig aus der politischen Mode gekommen sind.

Die Historiker urteilen vorsichtiger: Sie verkennen nicht, daß Brünings naiv-unschuldiger Umgang mit der Macht den eigenen und den Untergang der ersten Republik mitheraufbeschworen hat. Selbst als gerissene Demagogen die arbeitslosen, verarmten Massen wider die verhaßte Republik aufhetzten, vertraute der kühle Westfale Brüning noch immer auf die Durchschlagskraft vernünftiger Argumente.

Am gerechtesten ist ihm wohl Bundespräsident Theodor Heuss geworden, der ihm zu seinem 70. Geburtstag schrieb: „Gut, Sie haben Fehler gemacht. Wir alle haben Fehler gemacht, manche mit Ihnen gemeinsam. Der Vorwurf, der Ihnen wohl vordringlich gemacht wird, ist der, daß Sie Untreue und Intrige nicht in Ihr Kalkül aufgenommen haben, wie es jeder deutsche Stammtisch nach einem populären Vortrag über den unverstandenen Machiavelli zu tun pflegt. Daß Sie dieses Rezept nicht befolgten, nehmen diese Historiker Ihnen übel; die Sie zu kennen glauben, sehen darin die Würde Ihres Menschentums.“

„Hungerkanzler“ hat man ihn genannt. Er trug es gelassen. Denn ihn hatte es nicht nach der Macht gedrängt. Aber als die sogenannte Weimarer Koalition ihre parlamentarische Basis verlor, schien es nur noch einen Politiker zu geben, der das Staatsschiff zwischen Parlamentskrise und Wirtschaftskrise, zwischen links und rechts hindurchsteuern konnte: den damals erst 44jährigen Fraktionschef der Zentrumspartei, der als Sekretär der christlichen Gewerkschaften und als Finanzexperte im Reichstag eine Blitzkarriere hinter sich hatte. Der Feldmarschall-Präsident von Hindenburg packte den tapferen Reserveoffizier des Ersten Weltkrieges am Portepee, und der Frontsoldat Brüning folgte dem Ruf der Pflicht: „Ich weiß, daß ich eine Situation übernehme, die zu neunzig Prozent verloren ist.“

Brünings „Kabinett der Frontsoldaten“ regierte mit dem Notstandsparagraphen der Weimarer Verfassung. Mit ihm kam das Ende der parlamentarischen Demokratie. Doch dieser Zauderer aus Gewissenhaftigkeit war weder ein Diktator mit dem eisernen Besen noch ein mitreißender Führer seines Volkes. Er blieb rechtsstaatlichen Grundsätzen verhaftet, aber er war auch nicht der überzeugende Sachwalter liberaler Demokratie, zu dem ihn seine Bewunderer nachträglich stempeln möchten. Brüning schwebte eine „staatskonservative Lösung“ vor, eine „Aristokratie der Leistung“.

Er hätte wohl auch, wäre es möglich gewesen, die Monarchie restauriert, so wie er den maßlos überschätzten Feldmarschall von Hindenburg seinem Volke wider besseres Wissen als einen von Gott gesandten Mann empfahl. Aber der alte Herr, von dessen Gnade einzig seine Macht abhing, gab merkwürdigerweise Brüning die Schuld, daß er im April 1932 nur mit den Stimmen seiner einstigen politischen Gegner die Reichspräsidenten-Wahl gegen Hitler hatte gewinnen können. Der Undank des Hauses Hindenburg war ihm gewiß. Als sich Brüning nur noch „hundert Meter vor dem Ziel“ wähnte, wurde er entlassen.

Tatsächlich war Brüning zu diesem Zeitpunkt politisch bereits gescheitert. Seine Rechnung, die deflationistische Politik im Innern durch außenpolitische Erfolge wettzumachen, ging nicht auf. Zwar verschaffte er dem Deutschen Reich bei den angelsächsischen Ländern Kredit und Ansehen, zwar gelang es ihm, den Riesenberg der Reparationen abzutragen – aber die Massen, die durch seine Sparpolitik in Not geraten waren, strömten ins Lager der Nationalsozialisten und der Kommunisten. Josef Goebbels und Walter Ulbricht bedachten seine Reichstagsreden mit sarkastischen Zwischenrufen.