„Junge Knaben beim Spiel“, Erzählung von Draginja Dorpat. Sympathisanten, Aspiranten, Damen und Delegierte aus der Provinz“ treffen sich zu einem Informations-Sit-in im Landhaus eines reichen,„gigsüchtigen“ Apothekers. Gig ist eine Partei zur Linken und bedeutet „Gemeinde idealer Glieder“ oder „Glieder idealer Gesellschaften“ oder noch etwas anderes – die Abkürzung ist „umstritten“. Die Autorin der „Ellenbogenspiele“ bemüht sich angestrengt bis verkrampft auf zum Glück wenig Seiten um die parodistische Beschreibung genannter Zusammenkunft und ihrer Folgen und kann in Ermangelung geistreicher Einfälle auf keine Kalauerei verzichten. Für Mao steht „Miau“, für Ho Tschi Minh „Ha-Tschi“, aus der Bibel wird das Bild von den Hamstern und Nagern bemüht, und alles das wird jeweils weidlich strapaziert, wenn auch immer als die Blödheit anderer. Der Plan, sich über die Renommier-Linke lustig zu machen, ist gut, weniger begrüßenswert sein Scheitern. Es war wohl schon deshalb unvermeidlich, weil die Autorin sich letzten Endes nicht zwischen Sympathie und Antipathie entscheiden kann. (Merlin Verlag, Hamburg; 44 S., 4,80 DM)

Christel Buschmann

„Verdammtes kleines Luder“, Roman von Tina Christians. Das Luder verkleidet sich mit dem frivolen Titel und dem leicht popigen Umschlag als etwas anderes, als es ist. Denn hier geht’s nicht um modische Frivolitäten, sondern um jene Art von Tragik, die ein junges Mädchen mit der falschen Erziehung und den richtigen Emotionen in unserer schwatzenden Gesellschaft heraufbeschwören kann. Lucy, die Erzählerin, ist das uneheliche Kind einer Hure und wird nach deren Selbstmord vom etablierten Vater in seine feine Familie in feiner Gegend geholt. Er verachtet und liebt mit gleicher Heftigkeit in ihr ihre Mutter, wie sie sich der Gefühle der Toten bemächtigt hat und auch, ihn gleichzeitig haßt und liebt. Seine Frau schwankt hilflos in dem Wirbel unausgesprochener Gefühle und versucht alles mit Nettigkeit zu reparieren, was noch gar nicht geschehen ist. Der Vater setzt gegen Lucys verzweifeltes Flehen nach kindlicher Liebe, Zärtlichkeit, Anerkennung und Zuspruch so lange nur kleinbürgerliche Gehemmtheit, bis alles Ernst wird. Lucy versucht ihn zu verführen, seine Frau zu verführen, seinen Sohn zu ermorden. Das ist kraß und kühl erzählt. Die Autorin, selber erst einundzwanzig, läßt ihre Lucy nicht um Mitleid betteln, sondern um Liebe, um jenes Gefühl, dem man auch heute noch die Kraft zutraut, Verworrenes in Ordnung zu bringen. Das Buch bleibt durch die saloppe Disziplin des englischen Unterhaltungsromans vor der Schnulze bewahrt. (Hoffmann und Campe Verlag, Hamburg; 299 S., 16,80 DM) Sybil Gräfin Schönfeldt

„In Salzburg stirbt nur Jedermann“, Roman von Helen Mclnnes. Nicht nur. In Salzburg wird auch aus politischem Engagement getötet, und zumal am Rand des Finstersees, nicht weit von Salzburg, gibt es interessante Leichen: Ost-Agenten und sehr späte Nazis. „Die Nazis“, sagt jemand vom amerikanischen Geheimdienst, der noch am Finstersee aufräumen wird, „mögen verstreut sein, und vielleicht sind ihrer nicht mehr viele. Aber eines haben sie schon immer verstanden: Organisation.“ Die Nazis mit ihren veralteten Funkgeräten und falschen Pässen sind immer noch mordbereit, und die Sowjets und die Mao-Brüder sind es erst recht. Rote und Braune stellen bei Helen McInnes die Schläger und Würger, die Kidnapper und Erpresser. Die amerikanischen und britischen Agenten stehn dagegen eisern, aber doch blitzsauber da. Sie wollen nur – mit Mut und Umsicht – weitere Bluttaten und Erpressungen verhindern. Ob ein Propagandafonds in Washington dergleichen Thriller finanziert Sehr nötig haben sie es sicher nicht. Dieser Roman zum Beispiel, der eigentlich „The Salzburg Connection“ heißt, wurde von der Centfox verfilmt. (Verlag Droemer Knaur, München; 504 S., 24,– DM) Christa Rotzoll

„Der Kampf um Berlin 1945 in Augenzeugenberichten“, herausgegeben von Peter Gosztony. Das Ende in Berlin gibt noch auf Jahrzehnte hinaus ein dankbares Thema für Zeitgeschichtler, für Verlage und Illustrierte ab. Diese Götterdämmerung hatte allen anderen die Dimension des Miserablen, Kriminellen und ganz und gar Unwahrscheinlichen voraus. Noch unsre Enkel werden sich erzählen und erzählen lassen, wie das ging. Sie werden immer wieder die Augenzeugen befragen, deren Protokolle, Memoiren und Verhöre in diesem Band zitiert sind. Daß auch die neuesten, zum Teil sowjetischen Dokumente herangezogen wurden, ist Peter Gosztonys Verdienst, der seine Sache – als Leiter der Schweizerischen Osteuropa-Bibliothek, von Haus aus Militärhistoriker – sehr ernst nimmt und das makrabe Ende der NS-Machthaber vor dem Hintergrund der alliierten Militär-Strategie darstellt. Abgesehen von dem Vorwort Propst Grübers, das die Chance hilfreicher Deutung versäumt, sind die Proportionen gewahrt und alle wesentlichen Aspekte berücksichtigt. Selbst wer das alles schon zehnmal in Einzeldarstellungen gelesen hat, wird von der erschütternden Sinnlosigkeit, mit der das „letzte Aufgebot“ verblutete, und der Dramatik dieser Geschichts-Sekunde erneut ergriffen sein. (Karl Rauch Verlag, Düsseldorf; 422 S., 24,80 DM)

Martin Gregor-Dellin