Aachen Bis zum 30. April: Neue Galerie: „Klischee + Antiklischee“

Im wiederhergerichteten Alten Kurhaus, das aus dem späten Rokoko stammt, hat Aachen ein Museum für aktuelle Kunst eröffnet, keine provinzielle Angelegenheit, sondern progressiv, auf internationalem Niveau. Die Neue Galerie hat das Glück, einen Teil der Sammlung Ludwig zu beherbergen. Der Hauptteil befindet sich im Wallraf-Richartz-Museum, aber die Sammlung Ludwig ist groß genug, um mehrere Museen zu füllen. Und da Peter Ludwig im gleichen Tempo und mit der gleichen Passion weiterkauft, wie er vor vier Jahren angefangen hat, werden Köln und Aachen auch für die Kunst der 70er Jahre voraussichtlich die Spitzenposition halten. Die Erstausstellung zeigt unter dem irritierenden Titel „Klischee und Antiklischee“ den dritten Teil der Sammlung Ludwig: nicht etwa „zweite Wahl“, sondem Neusterwerbungen, darunter gelegentlich auch ältere Arbeiten, zwei Schreibmaschinenbilder von Klapheck aus den Jahren 1958 und 1959 und Wesselmanns Großen amerikanischen Akt Nr. 54 von 1964, einer dieser Wesselmann-Akte ist offenbar unverzichtbar für ein zeitgenössisches Panorama. Im übrigen Kunst vom Ende der 60er Jahre, wie man sie auf dem „Kunstmarkt 69“ und in progressiven rheinischen Galerien sehen und kaufen konnte. An „Prospect“ dagegen, an Land Art und Concept Art, an allem, was sich mehr in der Vorstellung begibt und keine realen Objekte zeitigt, ist der Sammler nicht interessiert. Dagegen hat er die neue oder „lyrische“ amerikanische Abstraktion überreichlich und en bloc auf dem „Kunstmarkt“ eingekauft, wo der Galerist Ricke sie präsentiert hatte. Auch gegenüber den Engagierten hat er keine Vorurteile. Es ist seltsam und etwas beklemmend, Guttusos großes Revolutionsbild in der Sammlung des Großindustriellen wiederzusehen, Auch das politisch militante „Interieur americain Nr. 7“ von Errò, mit den bewaffneten Revolutionären in der amerikanischen Wohnstube, ist hier gelandet, ebenso ein Beispiel engagierter Kunst aus Deutschland: Alvermanns Materialcollage zu einem Gedicht von Wolf Biermann, Als dominierend wird jedoch der neue Realismus oder Naturalismus herausgestellt, leider auch mit ganz minderwertigen Dingen, wie den naturgetreuen Kamelen von Nancy Graves und den Football-Spielern von Hanson, die ins Panoptikum gehören. Eine einzige Plastik von Segal deklassiert das ganze Wachsfigurenkabinett.

Düsseldorf Bis zum 15. April: Galerie Denise René/Hans Mayer: „John Lennon“

„Bag One“, ein weißer Kunstlederkoffer mit 14 Lithographien, lustige und freche Blätter, flott gezeichnet und gar nicht dilettantisch. Daß Hans Mayer sie ausstellen würde, wenn sie nicht von dem Beatle Lennon wären, ist allerdings kaum anzunehmen. Aber warum soll er nicht einmal vom hohen Roß heruntersteigen und den Beatlefans eine Freude machen. Lennon zeichnet, wie das bei seiner Hochzeit war, er und Yoko Ono auf dem Standesamt und danach bed peace, eine umwerfend komische Szene, sie beide im Bett und um sie herum die Meute der Reporter und Photographen. Die Aktzeichnungen sind gefällig und routiniert, eine freimütige Huldigung an Yoko, künstlerisch harmlos. Aber Lennon weiß, was er wert ist: Der Koffer kostet 5200 Mark.

Gottfried Sello

Weiterhin im Programm:

Berlin Bis zum 16. April: „Frans Masereel“