Von Marianne Kesting

Welch bizarre Epoche! Gerade in dem Augenblick, in dem der Positivismus aus allen Lungen bläst, erwacht der Mystizismus und beginnen die Torheiten des Okkulten ... Während der Materialismus wütet, erhebt sich die Magie. Diese Erscheinung kehrt alle hundert Jahre wieder.

Joris Karl Huysmans in „Là-Bas“

Zeiten wie die unsrigen, die sich für rational und ganz besonders aufgeklärt halten, sehen sich dauernd mit höchst seltsamen Phänomenen konfrontiert, die offensichtlich solchem Selbstverständnis widersprechen.

Während die schematisierten Hochbauten in die Höhe klettern und die Reihenhäuser unsere Landschaft überwuchern, während die mathematischen Planer, die Propheten unseres Jahrhunderts, die Computer in Bewegung setzen, überschwemmen merkwürdige Irrationalismen die Öffentlichkeit, dringen aus dem Untergrund an die Oberfläche. Orgien, Mysterien, Happenings und Schwarze Messen beleidigen den Bürgersinn, der meint, mit der stimmigen Börse sei auch alles übrige in Ordnung. Große Teile der Jugend geben sich Räuschen und orgienartigen Zusammenkünften hin, und alte Mythen grassieren. Unsere Hippies belehren das Publikum in einem Musical wie „Hair“, das einen denkwürdigen internationalen Erfolg zu verzeichnen hatte, über die astrologischen Konstellationen, in die wir nun eintreten: „Mystik wird uns Einsicht schenken / Und der Mensch lernt wieder denken / An den Wassermann.“

Wieso nun dies ausgerechnet? Die orgiastische Musik überspielte solche Fragen.

Es ist Sache der Psychoanalyse, der Sozialpsychologie und der Soziologie, solchen Phänomenen auf den Leib zu rücken und zu klären, welche weithin unbeachteten Antriebe sich hier einen sozialen Raum erobern; es wäre Sache unserer Planer, die allenfalls noch planen, wie die Industrie weiter zu ihren ohnehin schon immensen Verdiensten komme, diese Symptome als Vermissungskomponenten der modernen Industriegesellschaft in ihre Planung einzubeziehen; es wäre aber Sache der Historiker, Herkunft und Tradition solcher Erscheinungen zu durchleuchten.