Fellinis „Satyricon“ ist ein einzigartig verrückter und barbarischer Film, voller Auswüchse und Ungeheuerlichkeiten, das krause und unverdauliche Konzentrat einer unmäßigen Phantasie, ein Kröten-und-Elefanten-Film, Sumpf und Basalt, rotzgrün und weinfarben, ein Trödlerladen und Kitschpalast kultureller und mythischer Schätze und Trivialitäten. Entscheidend ist dabei vor allem, daß Federico Fellini, sich weder vertan noch übernommen hat mit diesem monströsen Kolossalspektakel, seiner eigensinnigen und gewiß gewagten Version des Petronii arbitri satyricon.

Fellini nimmt den mythischen Fundus, den er bei seiner imaginären Reise ins alte Rom aufstöbert und zusammenbaut, ganz unbekümmert und unvermittelt als bloßes Material, als Spielzeug und Baukasten, wo ihn im Grunde nur die primitiven Mechanismen, die plastischen Konturen und das sinnlich direkt greifbare Außenbild interessieren, kaum sophistische, interpretierende und reflektierende Hintergründe, Zusammenhänge und Bedeutungen. Es geht ihm nicht um Ideen und Geistiges, nicht um die inneren und abstrahierbaren Formen und Motive einer bestimmten Kultur und Mythenwelt, sondern um das Sichtbare, Handgreifliche und Gegenständliche all dessen, um die konkreten und materiellen Erscheinungs- und Ausdrucksweisen einer vergangenen Kultur, wie sie der gegenwärtige Federico Fellini als Erinnerung, als Traum, als Imagination im Kopf hat und handwerklich zu Kinobildern macht. Fellini analysiert seine Einbildungen und Erfindungen nicht, er präsentiert sie im Rohzustand, so krude und vulgär, wie sie ihm gekommen sind, wie er sie verarbeitet hat, und darum treten sie als seine Einbildungen und Erfindungen um so klarer hervor und gewinnen eine frappierende Evidenz und Kraft. Was ihm fremd und rätselhaft war, bleibt auch im Film fremd und rätselhaft; so wenig Fellini dieses alte Rom wirklich zu entziffern und zu verstehen in der Lage ist, so rätselhaft und undurchdringlich bleiben die Bilder des Films für eine andere als affektive und banale, also intensiv oberflächliche und gegenständliche Erfahrung.

Fellinis „Satyricon“ ist ein Film für Schaulustige, für den wirklichen Zuschauer, der es nicht nötig hat, hinter die Kulissen zu sehen, weil er weiß, daß diese nur aus Pappmaché sind und überhaupt alles nur Theater und Karneval ist. Fellini selbst möchte seinen Film als die Dokumentation seines Traums vom alten Rom und der Inszenierung dieses Traums verstanden wissen; die Entstehung des Films ist identisch mit der Inszenierung dieses Traums, und der Film ist das Resultat dieser Arbeit.

Um diese Arbeit geht es, und von ihr aus gesehen kann man ruhig sagen, daß Fellini ein Meisterwerk gemacht hat, ein originales Fellini-Kunstwerk gewissermaßen, das eine abgeschlossene, einmalige Welt darstellt und nicht über sich hinausweist und hinauszuführen ist. Ob Kunst oder Kunstgewerbe, seriös oder unseriös, das sind da nur noch fragile und irrelevante Spitzfindigkeiten angesichts eines Produkts, dessen Reiz gerade darin besteht, daß in ihm Eigensinn, Manie und Größenwahn als spielerische und erfinderische Gewalten wirksam sind, ohne jemals als der Kontrolle und dem Kalkül eines höchst praktischen und bewußt arbeitenden Temperaments zu geraten. Fellinis „Satyricon“ ist ein riesiger fragmentarischer Bilderbogen, ein Welttheater und Mythenzirkus, voller Untergründe, Winkel, Irrwege, so fragmentarisch, mysteriös, tiefgründig und trivial, wie uns die antike Welt tatsächlich erscheinen muß, wenn wir sie uns unmittelbar, nur mit Lese- und Geschichtsbuchbruchstücken, Historienfilm- und Ansichtspostkartenreminiszenzen im Kopf, vorzustellen versuchen. Als echt versunkene Welt präsentiert sie Fellini, und wenn er sein „Satyricon“ einen Tiefseefilm und ein andermal einen Sciencefiction-Film nennt, dann trifft er damit exakt die Stimmung und Verfassung des Films und dessen Affinität zum Trivial- und Abenteuerfilm.

Ascyltus und Encolpius, die beiden jugendlichen Päderasten, die müßiggängerisch und unbekümmert vital von Abenteuer zu Abenteuer, von Aufregung zu Aufregung ziehen, sind ganz banale, alltägliche Helden, um die Fellini dann außerordentliche Geschehnisse und Szenen baut, phantastische und effektvolle Inszenierungen. Die Helden begegnen unzähligen Monstern und Kuriositäten, die so zahlreich sind, daß man sie bald als normal akzeptiert, haarige Zwerge, fette Huren, Krüppel, Lahme, Blinde, Riesen, Hermaphroditen, Wüstlinge, verrottete und deformierte Wesen. Es gibt eine irrsinnig groteske Theatervorstellung, ein grandioses Erdbeben, das eine Turmstadt zerstört, ein wüstes Freß-und-Sauf-Gelage, die Helden werden auf ein gespenstisches Schiff verschleppt, einer von ihnen kämpft in einem Labyrinth mit einem Minotaurus, eine schöne Zauberin kommt vor, ein orientalisches Bordell, ein Dichter, Soldaten und Kohorten, ein abgeschlagener Kopf fliegt ins Wasser, ein römisches Ehepaar begeht in provinzieller Idylle Selbstmord, unzählbare und unbeschreibliche Bilder, Eindrücke, Sensationen, Überraschungen und Irritationen.

Aber weit wichtiger als das, was in den einzelnen Episoden und Bildern geschieht, ist die Atmosphäre, das spezifische Klima, das diesem gewaltigen Fragment eine frappierende und höchst suggestive Einheit gibt. Dieses Klima hat Fellini selbst am besten beschrieben: „Selbst das Licht ist traumhaft – viel Dunkelheit, viele Nachtszenen, dämmrige Interieurs. Oder auch höhlenhafte Landschaften, in verblassenden, unwirklichen Sonnenschein getaucht. Viele Höfe, enge Gänge und Korridore, Treppen, klaustrophobische Räume – nichts luftig oder klar. Und die Kleider sind opak und trüb, auch: die Farben erinnern an Steine, Staub, Schmutz. Ich versuchte eine Kombination pompejanischer und psychedelischer Stile, eine Mixtur aus Byzanz und Pop, Mondrian und Klee mit primitiver Kunst vermischt.“

Wie handwerklich, praktisch und anschaulich Fellini arbeitet, wie weit er von einer romantischen Artistik entfernt und wie nahe er populären Formen und Techniken steht, läßt sich sehr schön am Beispiel einiger Skizzen zum „Satyricon“ sehen, die zur Zeit im Rahmen einer Fellini-Ausstellung und Fellini-Retrospektive im Münchner Stadtmuseum gezeigt werden. Auf diesen Skizzen, die Typen aus dem „Satyricon“ darstellen, kann man überraschende Notizen finden, etwa Namen wie Mae West, Danny Kaye und die Beatles, mit denen Fellini vielleicht mal etwas in Hinblick auf den Film vorgehabt haben mag. Die Ausstellung, die voraussichtlich bis Ende Juni geht, zeigt eine Fülle oft sehr instruktiver Photos von Dreharbeiten und aus Fellinis Filmen; besonders wichtig aber ist die Retrospektive, die in italienischer Orginalfassung die Filme „Luci del Vareta“ (1950), „Lo sceicco bianco“ (1952), „I vitelloni“ (1953), „La strada“ (1954), „Il bidone“ (1955), „Le notti di Cabiria“ (1956), „La dolce vita“ (1960), „8 1/2“ (1963) und „Giulietta degli spiriti“ (1965) bringt (jeden Tag, außer Montag und Sonntag, läuft ein anderer Film).

– Aufregend ist es, gerade auch im Zusammenhang mit Fellinis „Satyricon“, da den Film „Lo sceicco bianco“ (Der weiße Scheich) zu entdecken, Fellinis erste selbständige Regiearbeit, einen hier so gut wie unbekannten Film. Er zeigt, wie sich ein kleinbürgerliches, Mädchen in die schäbige und billige Welt der Groschenphotoromane verirrt. Ein Teil des Films zeigt, wie diese Photoromane hergestellt und photographiert werden, und der bombastische Kitsch und die melodramatischen und pathetischen Posen, die da mit den primitivsten Mitteln inszeniert werden, erscheinen bei Fellini auf eine Weise, die höchst anschaulich macht, wieviel Kultur in alldem noch steckt, oder umgekehrt, wieviel Photoroman in der Kultur schon immer vorhanden war; man hat es nur getrennt, worüber Fellini selbst am wenigsten glücklich sein dürfte. Siegfried Schober