Nichts scheint mir uninteressanter zu sein, als noch eine Fußballweltgeschichte anzuzeigen. Das Material ist bekannt, die Darstellung gewöhnlich so langweilig wie das „Nachspielen“ am Stammtisch alter Skatfreunde. Wenn trotzdem auf Brian Glanvilles neues Buch aufmerksam gemacht werden soll, so liegt dies einfach an den hohen Qualitäten des Verfassers, der seinem Thema Aspekte abzugewinnen weiß, die den Kritiker immer wieder verführen können, auf seine Jagd nach Druckfehlern und falschen Jahreszahlen zu verzichten.

Brian Glanville: Soccer – a Panorama, Secker & Warburg, 36 sh.

Tatsächlich erzählt Glanville auch gar nicht die Geschichte des Fußballs, sondern läßt die Eindrücke und Reaktionen eines einfallsreichen Individualisten drucken, der auch gleichzeitig ein erfolgreicher Romanschriftsteller ist. In diesem Buch spricht nicht Glanville, der versierte Journalist, sondern Glanville, der Sportschriftsteller, der selber einmal sehr klar den Unterschied herausgestellt hat und nun der eigenen Perspektive die Treue hält.

Für Glanville ist Fußball eine moderne Mythologie, die auf einem menschlichen Urerlebnis aufgebaut ist – dem Spiel mit dem Ball, einer Beschäftigung, die in vielen Zivilisationen anzutreffen ist. Was er über die Anfänge des Amateurspieles zu sagen hat, liest sich wie ein Märchen. Wie er die Spitzenkönner der letzten hundert Jahre porträtiert, ist eine literarische Leistung. Seine Betrachtung über Rowdytum und Gewalttätigkeiten bilden einen wertvollen soziologischen Beitrag zur Entwicklung dieses Sports und seines Rituals.

Was fehlt, ist eine größere und wohl auch objektivere Kenntnis des deutschen Fußballs und vielleicht eine Unze weniger englischen Hurrapatriotismus. Schließlich weiß Glanville selbst nur zu gut, daß Kricket der englische Nationalsport ist und Fußball nur eine Unterhaltungsindustrie, in der man heute sehr schnell vergessen hat, was erst gestern geschehen ist. Da dieses sehr individualistische Buch nicht mit Tabellen und langweiliger Statistik belastet ist, kann man es durchaus empfehlen. Alex Natan