München

Sie trägt ein langes, rotes Kleid mit schwarzen Sternen, eine grobgehäkelte bunte Weste, keinen BH, schwarze Strümpfe und rote Schuhe. Ihr blasses Mausgesicht ist von dunklen Locken umrahmt, auf der breiten Knubbelnase sitzt eine kreisrunde blaue Brille. Das Mädchen, deren Bettgeflüster mit zahlreichen englischen Pop-Stars ganz England schockierte, sieht aus wie eine etwas altjüngferliche Lehrerin, die sich als Hippieverkleidet hat: Jenny Fabian, Autorin des umstrittenen Bestsellers „Groupie“, war zusammen mit Co-Autor Jonny Byrne nach München geflogen, um dem deutschen Start ihres Buches ein wenig nachzuhelfen.

Verleger Franz Burda urteilte: „Wer so etwas veröffentlicht, ist für mich eine Drecksau.“ Der Schriftsteller Arthur Koestler hingegen betrachtete die Lektüre als ein „Muß für alternde Spießer“.

Jenny Fabians Eltern – ihr Vater ist Lehrer an einer bekannten Londoner Public School – ließen sich davon nicht beeindrucken: Sie haben „Groupie“ bis heute nicht gelesen. Das ist vielleicht auch etwas viel verlangt von Eltern, deren Tochter Cannabis-Cocktails schlürft wie andere einen Martini und im Bett nach dem Prinzip vorgeht: „Jeder gibt, was er zu geben hat. Und ich gebe gern.“

Doch die solchermaßen großzügig mit Lustgewinn bedachten Knaben kommen nicht von ungefähr dazu. Jenny Fabian weiß, wie wichtig es ist, ihre Gunst überlegt zu verteilen, damit man nicht kläglich beim PM (Personalmanager) oder RM (Roadmanager) einer Band steckenbleibt, sondern ein richtig duftes BM-Girl wird (BM = Bandenmitglied). Cool sein, nur keine Gefühle zeigen, heißt die Parole – und genau das fiel Jenny zu Beginn ihrer „Groupie“-Karriere am schwersten.

Heute ist sie cool. Und selbst, wenn sie es nicht wäre – sie brauchte sich darüber keine Gedanken zu machen. Sie könnte es sich sogar leisten, Gefühle zu zeigen. Jenny Fabian: „Jetzt bin ich ganz oben. Ich habe es geschafft. Früher war ich oft unsicher, scheu, sogar verklemmt. Doch indem ich alles aufschrieb, was ich erlebt habe, selbst die intimsten Einzelheiten, habe ich meine Persönlichkeit gefunden. Die Niederschrift war ein Akt der Befreiung. Sex ist für mich nur noch ein Spiel – aber inzwischen kenne ich die Regeln. Darauf kommt es an.“

Das Wort „Liebe“ kommt auf den 280 Seiten ihres Buches nicht einmal vor. Sie selbst sagt: „Liebe ist die Fähigkeit, Lust zu geben und zu empfangen.“ Dennoch beunruhigt es Jenny, daß sie noch längst nicht so frei ist, wie sie sein sollte: „Ich bringe es einfach noch nicht über mich.“