Interview mit Andrianow, dem führenden Sportfunktionär der Sowjetunion

Von Rolf Kunkel

Konstantin Andrianow ist zweifellos der führende Sportfunktionär im Ostblock. Er ist Präsident des Nationalen Olympischen Komitees (NOK) der UdSSR. Ihn interviewen zu wollen, war für westdeutsche Journalisten ein bislang ziemlich aussichtsloses Unterfangen. Daß dies jetzt für die ZEIT gelungen ist, erklärt sich vor allem aus der Tatsache, daß Moskau sich als Austragungsort für die Olympischen Spiele 1976 bewirbt.

Allerdings ist die grundsätzliche Gesprächsbereitschaft sowjetischer Sportfunktionäre gewissen Schwankungen ausgesetzt, so daß der Interviewer trotz wochenlanger Vorbereitungen und mehrerer Telephonate mit Moskau bis zu dem Moment in Ungewißheit gelassen wurde, in dem er vor der Tür eines Altbaus in einer kleinen Seitenstraße der Moskauer Innenstadt angelangt war; den Namen dieser Straße hätte er auch dann nicht entziffern können, wenn er der kyrillischen Schrift mächtig wäre: Das dichte Schneetreiben verhinderte jede Sicht.

Es war am Sonnabend, 12 Uhr, als der Generalsekretär des sowjetischen NOK, Vladimir Savvin, mich in seinem schmucklosen und nüchtern gehaltenen Büro mit der Entschuldigung empfing, das mehrstöckige moderne Hauptgebäude des NOK der Sowjetunion sei am Wochenende geschlossen, daher müsse das Gespräch in der Filiale stattfinden. Mit dem fließend englisch sprechenden Savvin, der einige Jahre Vizepräsident des Internationalen Volleyball-Verbandes war und vermutlich eines Tages die Nachfolge von Konstantin Andrianow antreten wird, wurde das Interview in allen Einzelheiten durchgesprochen. Erst dann erschien der Präsident, und dem Besucher fiel bei der Begrüßung ein Satz von Willi Daume ein: „Auf den ersten Blick sieht er aus wie Chruschtschow.“ In der Tat ist die Ähnlichkeit frappierend. Nicht nur die gedrungene Figur und das breite Gesicht, auch die Sprechweise und die listigen Augen erinnern an den ehemaligen Kreml-Herrscher.

So konziliant Konstantin Andrianow wirkt, so unnachgiebig ist er in der Sache. Man muß es ihm glauben, wenn er sagt: am liebsten möchte er zu München keine Stellung nehmen, um die Vorbereitungen auf 1972 nicht zu stören oder irgendwelche Probleme hochzuspielen, aber die Umstände ließen ihm keine andere Wahl. Unser Gespräch ging im wesentlichen um München und Moskau als Olympia-Orte und um die Hürden des Mißtrauens, die auf dem Wege zu den Olympischen Spielen hier wie dort noch stehen.

Nur einmal während des dreistündigen Gesprächs (vorgesehene Gesprächsdauer: zwei Stunden) brauste er auf: als von der Kandidatur Moskaus und von gewissen Bedenken der westlichen Welt hinsichtlich der technischen Arbeitsmöglichkeiten der Massenmedien die Rede war. Er deutete auf einen im Nebenzimmer laufenden Fernsehapparat: „Schauen Sie, da läuft ein Spiel von der Eishockey-Weltmeisterschaft, live, aus Stockholm. Auch bei uns ist das Fernsehen schon eingeführt. Sagen Sie das Ihren Landsleuten.“