Die unterirdische Leistungsgesellschaft – Schon zwanzig Jahre im Bunker zu Bremen

Von Ernst Klee

Im Aufenthaltsraum hängen zwei, drei; Gebirgslandschaften: die Kapelle am Wildbach, der Watzmann in der Abendsonne. Beim Kaffee schiebt man stumm die Marken über den Tisch, stumm kriegt man die Tasse zurück. Nur das Kofferradio der Küchenfrau dudelt hier, wo auf kargen Bänken und an blanken Tischen die Bunkerbewohner sich zum Frühstück anschicken.

Im Bremer Bahnhofsbunker oder, wie es euphemistisch heißt, im „Übernachtungsheim“, wohnen etwa 155 Männer, Strafentlassene, Gescheiterte: Sei es, daß die Ehe in die Brüche gegangen ist, sei es, daß sie im Ärger von zu Hause geschieden sind, sei es, daß sie sich Unterhaltsverpflichtungen entziehen. Doch die, die man als Penner, Landstreicher und Tippelbrüder bezeichnet, die findet man kaum.

Es gibt wenig geschlossene Räume. Flure gehen ineinander über, Dunkel, in Dunkel, in fast totaler Finsternis. Die Notbeleuchtung erhellt den Bunker nur trübe. In einem Gang oder in einem Zimmer liegen sechzehn Leute, manche von Husten geschüttelt, manche angetrunken. Es gibt keine Ruhe in der Nacht, nur Kommen und Gehen, Wälzen und Stöhnen! Die letzte Schicht kommt um halb zwei aus Hamburg, die erste Schicht geht um halb drei. Immer steht einer auf, der nicht schlafen kann, raucht eine Zigarette, was verboten ist, nimmt einen Schluck aus der Flasche, was auch verboten ist.

Wie kommt man in den Bunker? Die Frage stellt sich unwillkürlich; denn zwei Drittel der Bewohner sind jünger als 35 Jahre. In Zahlen: nur fünfzehn Leute sind zwischen 60 und 72 Jahre, aber fünfmal soviel Menschen bis zu 30 Jahren alt. Die meisten haben qualifizierte Berufe; Arbeiter, auch Seeleute, stellen den Riesenanteil, dagegen findet sich kaum ein ehemaliger Angestellter. Vier Männer sind Melker gewesen, ein Indiz dafür, daß ein Teil in Fürsorgeheimen groß geworden ist; Melker lassen auf bayerische Fürsorgeheime schließen.

„Ich kam nach Bremen durch Krach von zu Hause“, erzählt einer der Insassen. „Ich hab’ mich zwei Tage im Hafen herumgetrieben und wußte nicht, wo ich war, wo ich hin sollte. Da hat mir dann jemand erzählt, daß der Bunker hier in Bremen ist. Es ist jetzt zwei, Jahre her. Viele werden wahrscheinlich eben dadurch reingekommen sein, weil sie irgendwelche Fehler gemacht haben, irgendwelche Straftaten, sind ins Gefängnis gekommen, wußten anschließend nicht, wohin, keine Bleibe, tja, in’n Bunker rein, wohin sonst?“