Washington, im April

Nach dem sachlichen Verfahrensauftakt von Helsinki steuern die am 16. April in Wien fortzusetzenden amerikanisch-sowjetischen Verhandlungen über eine Begrenzung der strategischen Rüstung (SALT) wieder jenem Punkt zu, an dem bisher alle vorangegangenen Abrüstungsbemühungen steckengeblieben oder gescheitert sind. Vorgefechte werden öffentlich mit hörbaren polemischen Untertönen ausgetragen, die Gegenseite wird mit eiligen und vorgreifenden waffentechnischen Entscheidungen überrundet. Dadurch wird der ohnehin enge Raum für eine Beschränkung der nuklearstrategischen Waffensysteme schon vor der Erörterung der Sachkomplexe nochmals eingeengt, und es entsteht eine Lage, in der die Unterhändler immer neue Tatsachen zu berücksichtigen haben, die ihre Möglichkeiten für ein Abkommen verringern.

Die Polemik entzündete sich in den vergangenen Wochen mit Prawda-Artikeln und Reden führender Mitglieder des amerikanischen Verteidigungsestablishments, in denen sich Russen und Amerikaner gegenseitig die Absicht vorwarfen, über den anderen eine nukleare Überlegenheit zu erringen und die SALT-Gespräche mit doppelbödigen Vorsätzen zu führen.

Wichtiger sind die tatsächlichen Rüstungsentscheidungen, die auf beiden Seiten getroffen wurden. Die Sowjetunion installiert mehr und mehr schwere Offensivraketen, reduziert nach und nach den amerikanischen Vorsprung an reaktorgetriebenen Unterseebooten und erprobt ihre Fern Waffen mit einer Vielzahl von Sprengköpfen (MIRV).

Die USA, die trotz Verwendung verschleiernder Begriffe – wie dem von der Zulänglichkeit (sufficiency) der für ihre nationale Sicherheit erforderlichen Atomrüstung – noch immer über einen weiten Gesamtvorsprung vor der Sowjetunion im Verhältnis von etwa 2 : 1 gebieten, lassen durch Luftwaffenminister Seamans vor einem Kongreßausschuß verkünden, in ihren Streitkräften werde bereits im Juni mit der Installierung der ersten MIRVs (anfänglich zehn bis fünfzehn landgestützte Interkontinentalraketen) begonnen. Sie erweitern ihr Raketenabwehrsystem um einen Bauabschnitt – und zwar mit der jetzt wieder aufgewärmten Begründung von einer eventuellen Bedrohung amerikanischer Siedlungszentren durch China von Mitte 1975 an. Dieses Argument wurde bereits unter Lyndon Johnson von dem damaligen Verteidigungsminister McNamara (einem Gegner der ABM) herangezogen, um die Beschränkung auf einen „dünnen Schild“ vor den Falken im Kongreß zu rechtfertigen. Richard Nixon fuhr dann stärkeres Geschütz auf. Er sprach von einem heranwachsenden Potential der Sowjetunion für eine Strategie des „ersten Schlages“, um die Mittel für die ersten Stellungen antiballistischer Raketensysteme bewilligt zu erhalten. Jetzt müssen wieder die Chinesen herhalten, um ihre Erweiterung zu rechtfertigen.

So steht am Anfang des Weges zu einer Rüstungsbegrenzung ein beinahe atemloser Sprint der beiden Weltmächte in einem neuen Rüstungswettlauf. Wohlgemeinte Vorschläge wie die von rund 45 Senatoren zu einem MIRV-Moratorium werden vom Weißen Haus als Schwächung der eigenen Verhandlungsposition rundheraus abgelehnt. Doch auch auf sowjetischer Seite besteht kein erkennbares ernstes Interesse, die Entwicklung und die Produktion dieser Vielfachwaffe vorerst einzustellen. Mit ihr wird eine neue atomare Pandorabüchse geöffnet. Wenn die Amerikaner etwa zur „Mirvisierung“ ihrer tausend in Silos verbunkerten Interkontinentalraketen mit dem Installieren der Minuteman III und der Ausrüstung von dreißig ihrer Atom-U-Boote mit der Poseidon übergehen, können sie in einigen Jahren – mit je drei Atomköpfen auf der neuen Generation von Minuteman und je zehn auf den Poseidon – die Zahl ihrer strategischen Angriffswaffen mühelos verfünffachen.

Jeder Gedanke an eine nukleare Rüstungsbalance als Voraussetzung für ein Begrenzungsabkommen wird dadurch zur Absurdität. Da zwar Raketenstellungen, aber nicht die Beschaffenheit von Raketenköpfen durch Aufklärungssatelliten ausgespäht werden können, ist die Verifizierung eines Verzichts auf MIRVs ohnehin nur durch Inspektionen an Ort und Stelle möglich, über die auch nur zu diskutieren die Sowjetunion aber so lange ablehnt, wie ihr keine „nukleare Parität“ vertraglich von den USA zugestanden worden ist.