Von Joachim Schwelien

Washington, im April

Schon in den kommenden Wochen könnte sich entscheiden, ob die von Präsident Nixon betriebene Vietnamisierung des Krieges in Südostasien durch eine zunehmende Amerikanisierung der Kampfhandlungen in Laos und Kambodscha zum Stillstand gebracht wird.

Sollten die USA tiefer in die militärischen Auseinandersetzungen in diesen beiden Ländern verstrickt werden, müßte der Abzug amerikanischer Truppen aus Südvietnam abgebremst werden. Der Stabschef des Heeres, General Westmoreland, soll sich bereits dafür ausgesprochen haben, die für Mitte April vorgesehene Ankündigung des Abzugs weiterer amerikanischer Verbände zunächst um ein halbes Jahr zu verschieben.

Die neue kambodschanische Regierung unter General Lon Nol hat zu verstehen gegeben, sie werde Waffen und Ausrüstung von „befreundeten Ländern“ wie Amerika anfordern, wenn die nordvietnamesischen Verbände ihr Gebiet nicht verlassen. Laos und Kambodscha allein sind militärisch viel zu schwach, um eine ernste Auseinandersetzung mit den Kommunisten bestehen zu können. Schließlich ist die militärische Verlockung sehr groß, die auf den Stützpunkt des Ho-Tschi-Minh-Pfades stationierten kommunistischen Einheiten abzuschneiden und ihre dortigen, bisher relativ unverwundbaren Zufluchtsorte endlich zu vernichten.

Das damit gegebene Risiko einer neuerlichen Ausweitung des Krieges würde für Amerika äußerst unerwünschte Folgen haben. Tritt diese Expansion ein, dann würden die letzten, noch so schwachen Aussichten auf einen Verhandlungsfrieden zunichte gemacht. Innenpolitisch würde. das Programm Nixons, sich aus dem Krieg in Vietnam durch allmähliche Herabstufung ohne Kapitulation zurückzuziehen können, zweifellos scheitern. Der Krieg träte wieder in den Mittelpunkt der innenpolitischen Auseinandersetzungen, die wirtschaftlichen Belastungen müßten zwangsläufig erneut zunehmen. Das warnende Beispiel Lyndon Johnsons, der an diesem Krieg gescheitert ist, steht Nixon deutlich vor Augen.

Die Entwicklung in Südostasien ist keine Bestätigung der Domino-Theorie, das Abhalftern des Prinzen Sihanouk hat vielen Amerikanern sogar schadenfrohes Vergnügen bereitet und den Einfluß Amerikas in Kambodscha auf höchst unerwünschte Weise vermehrt. Viel eher drängt sich ein Vergleich mit dem Schachspiel auf: Ein Zug der Nordvietnamesen, und ihr Springer bedroht sogleich zwei amerikanische Steine aus der Dreier-Kombination Südvietnam, Laos und Kambodscha.