Der Zinsabbau in den USA stellt die Bundesbank vor die Frage: Wann die Kreditrestriktionen lockern?

Ein Hauch von Frühling war auch bei uns zu spüren. In den USA hat der Beginn des langerwarteten Abbaus des Zinsniveaus an den Börsen zu einem kurzen Rausch des Optimismus geführt, an den deutschen Aktienmärkten regte sich die Hoffnung auf bessere Tage etwas zaghafter. Freilich ist die Ermäßigung der prime rate (des Zinssatzes für Kredite an „erste Adressen“), die führende US-Banken verkündet haben, nur ein kleiner Schritt. Noch, ist es Hoffnung, nicht Gewißheit, daß sich ein Ende der Hochzinspolitik in der westlichen Welt abzeichnet.

Vor 14 Monaten hat Richard Nixon den „Kampf gegen die Inflation“ zum wichtigsten innenpolitischen Ziel seiner Amtsperiode erklärt. Erreicht hat er nicht viel mehr, als die Arbeitslosenquote wieder auf über vier Prozent heraufzudrücken. Die Teuerung setzt sich in unvermindertem Tempo fort: Der Index der Lebenshaltungskosten lag zu Beginn dieses Jahres um 6,2 Prozent über dem Stand von Anfang 1969. Aber im November sind Kongreßwahlen – und so darf man erwarten, daß die republikanische Administration eine Lockerung der Kreditpolitik anstrebt, um einen zu tiefen Fall der Wirtschaft zu verhindern.

Gegenwärtig droht den Vereinigten Staaten „Stagnation ohne Stabilisierung“. Seit Ende des vergangenen Jahres wächst die reale Leistung der amerikanischen Wirtschaft nicht mehr, für die nächsten Monate wird sogar ein Rückgang des Sozialprodukts erwartet. Die Erinnerung an die Rezession der Eisenhower-Ära schreckt: Fast alle sind heute bereit, auf Nixon-Berater Milton Friedman zu hören, der schon seit Wochen für eine Erhöhung der Liquidität plädiert.

Die deutsche Wirtschaftspolitik wird durch die Zinssenkung in den USA vor neue Probleme gestellt. Wäre die Entwicklung einige Wochen früher in Gang gekommen, hätte man sie in Bonn laut begrüßt: Noch im Januar hatte Karl Schiller eine „internationale Aktion zur Zinsabrüstung“ gefördert. Aber was damals herbeigesehnt worden war, gilt inzwischen schon wieder. als Übel. Erklärtes Ziel des Wirtschaftsministers ist es jetzt, durch „teures Geld“ den Preisauftrieb zu bekämpfen.

Praktisch hat Professor Schiller sich damit zur politischen Ohnmacht verurteilt, handeln kann nur noch die Bundesbank. Zweifellos haben die ersten Anzeichen für eine Senkung des Zinsniveaus in den USA Hoffnungen geweckt, daß wir bald von dem Krisendiskont von 7,5 Prozent wieder herunterkommen – und zweifellos sind diese Hoffnungen nicht berechtigt. Karl Klasen kann nicht von heute auf morgen das Steuer wieder herumwerfen, wenn er sich nicht dem Vorwurf aussetzen will, wie der Wirtschaftsminister einen Zickzackkurs zu fahren.

Der Mai ist wohl der früheste Termin für eine (geringfügige) Diskontsenkung. Und es ist fraglich, ob Karl Klasen – wenn er sie wünscht – dafür eine Mehrheit im Zentralbankrat findet. Mancher seiner Kollegen mag fürchten, daß eine Lockerung der Kreditgrenzen kurz vor den Wahlen in Nordrhein-Westfalen als direkte Unterstützung der SPD/FDP-Koalition ausgelegt werden könnte.