An der Kasse kann man Luftballons mit aufgedruckten Figuren kaufen. Wenn man sie aufbläst, hat man keinen Original-Botero in der Hand. Botero ist kein Plastiker, kein entfernter Verwandter der reizenden Niki de St. Phalle, er macht keine Nanas, er malt Bilder, und Malen, daher der Luftballon, heißt für Botero die Figuren aufblasen und vollpumpen, bis sie stellenweise beinah platzen. Das wirkt ungeheuer komisch, Boteros Figuren sind nicht bloß unmäßig dick, sie sind aus der Fasson geraten und neu in Fasson gebracht, in die Form des Ballons, und diese aufgeblasenen Ballons benehmen sich, als ob sie menschliche Wesen wären, sie falten die Hände und sitzen am Tisch und tragen Nerzmäntel, schieben Kinderwagen und reiten durch die Hügel, die bei Botero ebenso rund sind wie die Rundungen eines rundlichen Mädchens oder eines Säuglings oder einer Hundeflanke. Das Runde zu potenzieren, das ist Boteros Tick, seine Masche, sein Stil.

Erst ist es bloß ein Tick, dann wird der Tick zum Stil.

Der Kolumbianer Botero demonstriert ein allgemeines Gesetz. Der Kubismus war auch erst ein Tick, bevor er als Stil begriffen wurde, Botero macht die Dinge und die Figuren nicht kubisch, sondern rund, er verfährt umgekehrt wie der Kubismus, man könnte seinen Stil, seine Masche Rondismus nennen. Die ersten kubistischen Bilder müssen nicht weniger komisch gewirkt haben als Boteros rondistische Bilder. In jedem Stil ist ein karikaturistisches Element enthalten, das aus der Abweichung von der Norm, aus der Verzerrung und Übertreibung resultiert, gleichgültig, ob die Formen geometrisch reduziert oder üppig aufgeblasen werden.

Daß der Kubismus ursprünglich eine witzige und komische Angelegenheit war, ist von seinen Interpreten rasch und gründlich mit feierlichem Tiefsinn verschleiert worden. Picassos "Les desmoiselles d’Avignon" waren, bevor sie zum Standardwerk des Kubismus avancierten, eine witzige und boshafte Karikatur der Insassinnen eines Picasso nicht unbekannten Freudenhauses, eine der Damen trägt die Züge einer ihm befreundeten Malerin, den männlichen Besucher hat Picasso dann in der endgültigen Fassung weggelassen. Man spricht nicht gern über den Zusammenhang von Stil und Karikatur, weil man glaubt oder so tut, als ob die Kunst, die hohe Kunst darunter leiden würde, wenn man sie unter diesem Aspekt betrachtet. Aber Picasso beispielsweise ist auch einer der größten Karikaturisten, und die frühesten Zeugnisse der Kunst, die Höhlen- und Felszeichnungen, sind eine vorgeschichtliche Spezies der Karikatur, nicht als Witzzeichnung, aber jedenfalls in ihrer Tendenz, das Charakteristische zu übertreiben.

Botero übertreibt und überrundet das Runde. Darin, in diesem karikaturistischen Ansatz, der sich dann gegenläufig zum Kubismus entwickelt, ist er mit Picasso vergleichbar.

Wie ist Botero zu seinem rondistischen Stil gekommen? Es gibt mehrere mögliche Erklärungen, die alle ganz plausibel klingen und unter denen man nach Belieben wählen, über die man aber auch mit Achselzucken hinweggehen kann, ohne daß deswegen das Vergnügen an den Bildern gemindert würde. Man kann seinen Stil aus seiner Herkunft und seiner Biographie zu erklären versuchen.

Fernando Botero ist Kolumbianer, 1932 in Medellin geboren, einer kleinen Stadt, wo die Leute sich gern in ihrer Würde aufblähen, mit runden Hügeln rundum. Wer in Kolumbien geboren ist, hat den spanischen Kolonialbarock entweder im Blut oder jedenfalls vor Augen, üppig ausladend, aufgeschwemmt und verfettet.