Von Martin Gregor-Dellin

Hans Werner Richter ist in die Literatur zurückgekehrt. Vom Stuhl des Mentors der Gruppe 47 hat er sich wieder unter uns Sterbliche begeben, wo der rauhe Ton der Kritik herrscht, aber auch die dauerhafteren Ehren vergeben werden, die den Funktionären und Moderatoren versagt bleiben. Es ist kein spektakulärer Roman, mit dem Richter nach elf Jahren seinen neuen Start als Erzähler versucht, sondern eher eine Hin- und Rückwendung zu seinen Anfängen, zur Welt seiner Kindheit, die ihn schon einmal im Roman „Spuren im Sand“ (1953) beschäftigte.

Soviel Erfolg ihm seine ersten Anti-Kriegs-Romane gebracht haben mögen, ich habe ihnen immer das temperierte Buch der Kindheit vorgezogen und glaube, daß Richter zu seinen ihm gemäßen Ausdruckmitteln erst fand, als er das zu enge Programm des Kahlschlags mit seiner „Addition der Teile und Teilchen“ und der oft rüden Alltags- und Umgangssprache hinter sich ließ. Denn der Wahl-Münchner und Wahl-Berliner hat als Pommer aus Usedom die schwerblütige Versponnenheit und Sprödheit seiner Landsleute nie ganz abgelegt, und andre Töne wirken bei ihm leicht angestrengt.

In Bansin hat er als Sohn eines kinderreichen Arbeiters und Fischers eine kärgliche, aber vom Standpunkt der Literatur beneidenswert farbige und geschichtenreiche Jugend verlebt, der auch das neue Buch abgewonnen ist –

Hans Werner Richter: „Blinder Alarm“, Geschichten aus Bansin; Suhrkamp Verlag, Frankfurt; 141 S., 14,– DM.

„Spuren im Sand“ war der Mutter gewidmet. Das Buch des Zweiundsechzigjährigen trägt die Widmung: „Meinem Vater, der kein Held war und doch der Held dieser Geschichten ist.“ Man zitiert nicht gern Widmungen, aber diese späten Widmungen der Söhne an ihre Väter haben etwas Bewegendes; in ihnen schwingt meist etwas Wiedergutmachung mit, Abbitte an eine lebenslang unverstandene Gestalt, ein vergebliches Heraufrufen ihrer Gegenwart, der unverwundene Schmerz eigener Versäumnisse, des Ungetanen und Unausgesprochenen, der Wunsch, der Vater möge noch einmal unter den Lebenden sein und sich im Sohn erkennen, wo der Sohn schon den Vater nie erkannte.

Richter läßt das am Ende seiner Titelgeschichte „Blinder Alarm“, die eigentlich ein Porträt, eine Kurzbiographie des Vaters ist, durchblicken, wenn er schreibt: „Ich habe ihn gekannt und habe ihn nicht gekannt. Er war mein Vater und doch ein Fremder. Ich weiß nichts von dem, was er wirklich dachte, nichts von seinen Träumen, Wünschen, Gefühlen. Ich habe achtzehn Jahre lang an seinem Tisch gesessen, bin mit, ihm arbeiten gegangen, habe mich seinen Anordnungen gefügt, habe ihm widerwillig gedient, so wie er anderen widerwillig diente, und weiß doch nicht, wer er war.“ Als müsse er dieses unbekannte Wesen endlich stellen und einkreisen, setzt Richter zu immer neuen Geschichten über den Vater an, beobachtet ihn unter verschiedenen Umständen, zu verschiedenen Zeiten und verzichtet nicht einmal auf Wiederholungen, Selbstzitate, nur um die Fremdheit aufzuheben, die zum Alptraum geworden ist.