Die „Aktionsgemeinschaft für wissenschaftliche Gesprächspsychotherapie existiert noch nicht; auf einer Mini-Pressekonferenz machte sie gleichwohl schon von sich reden. Die zukünftigen Mitglieder des Verbandes, Spezialisten einer in der Bundesrepublik noch weithin unbekannten Spielart der Psychotherapie, haben es satt, sich in den Schatten des von öffentlichen Geldern genährten, selbst- und traditionsbewußt sich blähenden Riesen Psychoanalyse gedrängt zu sehen. Jetzt suchen sie das Licht der Öffentlichkeit – zwölf Jahre, nachdem der Hamburger Psychologe Professor Reinhard Tausch die Gesprächspsychotherapie als Methode der Wahl gefunden und fünf Jahre, nachdem sie an der von ihm geleiteten Abteilung des Psychologischen Instituts der Universität Hamburg institutionalisiert worden ist.

Am besten läßt sich die „Klienten-zentrierte Gesprächspsychotherapie“ beschreiben, wenn man darlegt, was sie von der analytischen Therapie unterscheidet.

Zunächst das theoretische Konzept: Während für den Analytiker jede Verhaltensstörung des Erwachsenen in früher Kindheit angelegt worden ist, geht der Gesprächstherapeut davon aus, daß spätere Erfahrungen das Verhalten seines Klienten ebenso stark geprägt haben. Deshalb versucht er nicht – wie der Analytiker – mit ihm „zu den Müttern“ hinabzusteigen, sondern er konzentriert sich mit dem Behandelten auf dessen aktuelle Gefühle und Gefühlskonflikte.

Der Therapeut wird auch nicht zum Identifizierungsobjekt, zum Vater oder zur Mutter der Kindheit; er bleibt vielmehr ein vertrauter und vertrauenswürdiger Mitmensch im Rahmen des sozialen Gefüges, in dem der Klient heute lebt.

Das Bemühen, eine partnerschaftliche Beziehung zum Klienten herzustellen, ist charakteristisch für Psychotherapeuten, deren Methode auf den Ahnherrn der Client-Centered-Therapy, den Chikagoer Psychiater Professor Carl R. Rogers zurückgeht. Der Gesprächstherapeut tritt dem Klienten nicht als allwissender Fachmann gegenüber, der zu verblüffenden Zeitpunkten verblüffende Zusammenhänge im Seelenleben des psychoanalytischen Laien „aufdeckt“. Kausale und analoge Beziehungen zwischen Gefühlen, Verhaltensweisen, Erfahrungen „entdeckt“ der Klient vielmehr allein.

Statt die Konflikte und Ängste des Säuglings und Kleinkinds erneut zu durchleben und korrigierend zu verarbeiten, hat der Klient in der Gesprächspsychotherapie ausschließlich zu lernen, sich angstfrei mit seinen aktuellen Problemen. – und zwar nur mit den von ihm selbst als solche erkannten – zu beschäftigen und selbständig nach Lösungsmöglichkeiten zu suchen. „Der psychotherapeutische Prozeß ist“ – so der Tausch-Schüler Dr. Reiner Bastine – „als ein Vorgang des Lernens aufzufassen.“ Gelernt wird am Modell verhalten des Therapeuten: Anders als der Analytiker nimmt er aktiv Anteil an den Problemen seines Klienten, unter anderem indem er „die Äußerungen mit persönlich-emotionalen Inhalten aufgreift und so verbalisiert, wie er sie verstanden hat“. Vielen Verhaltensgestörten erscheint dadurch überhaupt erst „die Bearbeitung ihrer Probleme sinnvoll“; sie lernen, sich auf die Beobachtung ihrer Gefühle zu konzentrieren und ihre Emotionen furchtlos auszudrücken.

Die Effektivität der Selbstexploration – und damit der Erfolg der Behandlung – wird von drei Verhaltensmerkmalen des Therapeuten beeinflußt. Die Bezeichnungen dieser grundlegenden Variablen sind geeignet, viele von allerlei „Seelenkunde“ traumatisierte Laien abzuschrecken: „positive Wertschätzung und emotionale Wärme“, „Echtheit und Selbstkongruenz“ und die schon erwähnte „Verbalisierung emotionaler Erlebnisinhalte des Klienten“ durch den Therapeuten.