ARD / ZDF, Mittwoch, 1. April

Freimütig gesteht der Betrachter am Bildschirm, daß ihn seit vielen Jahren kein Augenblick stärker erregt, keine Sekunde sein rot pochendes Herz mächtiger bewegt hat als jener Moment, da verwegen gekleidete Gestalten, blankbusige Mädchen und bärtige Männer, Berlins Kommunarden, unter dem Ruf „Willi! Willi!“ einen Mann auf den Schultern aus dem Gerichtssaal heraustrugen, den man bis dahin für der APO ingrimmigsten Gegner und den Todfeind der Linken ansah: Nicht Willy Brandt, nicht Willi Stoph, sondern keinem Geringeren als William S. Schlamm galten die Rufe der Roten – ihn, den man unter rhythmischem Ho-ho-ho-Tschi-Minh-Klatschen an die Spitze eines Zuges postierte, der in Windeseile aufs Springer-Hochhaus in der Kochstraße zustürmte.

Was war da geschehen? Wie kam es zu diesem spektakulären Ereignis, das Millionen von Zuschauern den Atem verschlug? Nun, eins ist gewiß: Die Verteidigung wußte, warum sie im Mahler-Prozeß ausgerechnet William Schlamm zum Kronzeugen ihrer Anti-Springer-Kampagne bestimmte; ihr mußte im voraus bekannt gewesen sein, was die Betrachter am Bildschirm erst während der live-Sendung gewahrten: Die Verwandlung eines Sprachrohrs in einen Menschen.

Lange genug, erklärte Schlamm gleich zu Beginn des Verhörs (dem Gericht und den Zuschauern stockte der Atem, nur Horst Mahlerlächelte wissend), lange genug sei er der Knecht des Kapitalisten Springer gewesen, in Zukunft aber würde das anders, bald kommt der Tag, und geistige und künstlerische Arbeit wird von der Verfilzung mit allen merkantilen Interessenbefreit. Frage der Verteidigung: „Künstlerische Arbeit – nun gut: Was aber wird aus den technischen Produktionsmitteln? Bleiben die Eigentum des Verlegers?“ Antwort Schlamms: Im Gegenteil! Alle technischen Behelfe des Presse- und Literatur-Betriebs werden Eigentum der Gesellschaft. Frage des Vorsitzenden: „Das wollen wir ein bißchen genauer wissen.“ Herr Schlamm (sehr präzise, sehr detailliert): Die Druckereien, die Vertriebsorganisationen, das Inseratenwesen. Frage der Verteidigung: „Was aber ist mit dem Fernsehen? Was mit den anderen Medien? Könnte der von Ihnen enteignete Springer nicht im Äther fröhliche Urständ feiern?“ (Gelächter im Zuschauerraum, Glocke des Vorsitzenden.) Schlamm: Die gesamte technische Apparatur der Theater, des Films und des Radios ist gesellschaftlicher Besitz. Frage Horst Mahlers: „Und wer verwaltet künftig diese Apparatur?“ Antwort Schlamms: Es verwalten sie selbständige, mit der künstlerischen Produktion unmittelbar verbundene Leiter, die ihre Wirksamkeit allein, aber dafür zur Gänze vor dem Auftraggeber verantworten. Verteidigung: „Der Gesellschaft also?“ Schlamm nicht zustimmend. Frage des Vorsitzenden: „Und Sie meinen wirklich, daß durch Sozialisierung jene Manipulation und Verfälschung von Nachrichten, wie sie die Verteidigung dem Springer-Konzern vorwirft, künftig eliminiert werden kann? Wie soll das praktisch geschehen?“ Schlamm (der hier in einen souveränen, wissenschaftlich dozierenden Tonfall gerät): Die Quelle jeder Nachricht ist kontrollierbar anzugeben. Ankläger (süffisant): „Das Paradies auf Erden also! Wahrheit, Wahrheit überall! Keine Demonstrationen mehr, keine Zusammenstöße zwischen den Studenten und der Polizei, kein ...“ Schlamm: Die Berufspolizei wird abgeschafft. Ankläger (springt auf): „Aber das ist gegen unsere Verfassung!“ Schlamm (ungerührt): Deutschland ist eine sozialistische Republik. Vertreter des Springer-Verlags (in höchster Erregung): „Dieser Mann ist wahnsinnig! Er vergeht sich an den vier essentials des Herrn!“ (Gelächter im Zuschauerraum, ein Theologiestudent schlägt das Kreuz, Vorsitzender: „Unterlassen Sie bitte alle blasphemischen Gesten“, ein Hippie-Mädchen: „Scheiß-Formaldemokratie!“), Schlamm (greift das Stichwort auf, formuliert markant und abschließend, im Stil eines Glaubensbekenntnisses): An Stelle einer formalen Demokratie tritt die Demokratie der Werktätigen. (Ungeheurer Tumult, die Springer-Vertreter eilen zum Telephon, die einen rufen den Konzernherrn, die anderen ein psychiatrisches Krankenhaus an.)

Nach der Tagesschau, deren Kommentar der vom ZDF ausgeliehene Moderator Löwenthal unter dem Titel „Abschied von einem Gefährten“ sprach, wurde die live-Sendung fortgesetzt und zu Beginn der wieder aufgenommenen Sitzung eine Erklärung des Hauses Springer verlesen. Darin hieß es, der Kommentator William S. Schlamm sei aus Gründen, deren Klärung der Polizei obliege, das Opfer einer temporären Bewußtseinsspaltung geworden. Möglicherweise unter dem Einfluß ihm heimlich verabreichter Drogen stehend, vielleicht sogar, auf Grund seiner medialen Verfassung, hypnotisiert – jedenfalls infolge der im Gerichtssaal herrschenden sozialistischen Atmosphäre von einem plötzlichen Erinnerungsschub übermannt, habe Schlamm, und zwar wortwörtlich, Thesen zitiert, die von ihm in der „Neuen Weltbühne“, Jahrgang 1933 und 1934, unter der Überschrift „So wollen wir Deutschland“ verfaßt worden seien ... Kommunistische Thesen, die mit der vom Konzernherrn apostrophierten „anderen Meinung“ keineswegs in Zusammenhang stünden. Walter Jens