ARD, Donnerstag, 26. März: „Besuch gegen zehn“

Der Gründonnerstag war diesmal den Zeitungsmagnaten gewidmet. Im ZDF sollte Springer persönlich erscheinen (tat’s aber nicht), die ARD hielt sich derweilen an Augstein (dargestellt von Peter Pasetti), indem sie der Spiegel-Affäre gedachte. Die nämlich hatte offenbar den Genius des in der DDR ansässigen Schriftstellers Rolf Schneider derart beflügelt, daß schon kurz nach der Befreiung des einsitzenden Augstein ein Fernsehspiel Besuch gegen zehn zur Vollendung gelangte, dessen Thema die Verhaftung eines berühmten, als Stilist und Gesellschaftskritiker in gleicher Weise gefürchteten Zeitungsherrn ist.

Bei Nacht und Nebel fahren Ledermäntel vor, das Telephon des Vielgeliebten, Vielgehaßten, des Skandalaufdeckers und Dossierbesitzers, des Meisters mit den guten Federn, des Staatsfeinds und des Demokraten, der den Demokraten zeigt, daß sie nicht Demokraten sind ... abgestellt wird es, das Tonband gestohlen, der Eingang umstellt, und dann beginnt ein Gespräch, ein Gespräch beginnt dann, daß einem der Atem zu stocken anfängt. Thomas Manns Teufelsdialog aus den „Faustus“, von Hans Habe in die Atmosphäre einer großbürgerlichen Villa versetzt.

Da atmeten Zimmer Beklemmung, da ging’s um die warme Umarmung mit der Gemeinschaft, da war die Villa nicht verwohnt, sondern verwöhnt, da war keiner zu Hause, sondern jeder daheim, da wurde, Inbegriff der zarten Parodie, mit dem Whisky der Rauch über fernen Hochmooren in die Nase gesogen. Mit einem Satz: Da war alles ganz wie im Leben, und ganz wie im Lore-Roman, der Staatsanwalt hörte Emmerich Kálmán, war ein Vierzimmer-Zeus, der eine Freundin besaß, und der Zeitungsherr ging unterdessen in einer Film-und-Frau-Wohnung seiner melancholischen Eingebung nach, trank teuren Whisky und hatte ein Dienstmädchen in Dienstmädchentracht.

So ungerecht, Freunde, geht es zu in der Welt, dem einen das Traumschloß und dem andern ein Gläschen Amselfelder nach Dienstschluß, da kann man schon zum Schergen der Obrigkeit werden, kann winseln und flehen und am Ende die Backen aufpusten, wenn der Stolze sich krümmt, sobald man ihm die Geräte der Staatsmacht vorweist.

Man sieht, Politik hat auch ihre persönlichen Seiten; am Gründonnerstag konnte selbst Springer noch lernen: Die Spiegel-Affäre ... menschlich gesehen. Momos