Von Marion Schreiber

Herdecke/Ruhr

Wenn man in Herdecke, von der Autobahn kommend, sich an der einzigen großen Verkehrskreuzung des Ortes rechts hält, dann fällt zum erstenmal ein nagelneues Hinweisschild „Krankenhaus“ ins Auge. Für die Bürger der rund 20 000 Einwohner zählenden Stadt signalisiert das leuchtend weiße Schild zugleich auch den erfolgreichen Abschluß eines Unterfangens, das ihnen noch vor fünf Jahren die Mißbilligung der Landesregierung einbrachte, heute jedoch vom nordhrein-westfälischen Arbeits- und Sozialminister beifällig als mögliches Vorbild „für weitere Pläne der Landesregierung auf dem Gebiet des Krankenhausbaus“ beurteilt wird.

Seit am 11. November letzten Jahres in Herdecke das erste „Gemeinnützige Gemeinschaftskrankenhaus“ der Bundesrepublik eröffnet wurde, kommen sie: Funktionäre der Wohlfahrtsverbände, Medizinstudenten, Vertreter der Bundes- und Landesministerien, Journalisten und Ärzte. Ein Krankenhaus ohne Chefarzt und Krankenschwester, ein Krankenhaus, das den sonst in Nordrhein-Westfalen üblichen Bettenpreis von 60 000 Mark um knapp die Hälfte unterbot – das Bett kostete nur rund 35 000 Mark –, in Windeseile hat es sich herumgesprochen, haben Schlagworte vom „Ende der Leibeigenschaft“ Schlagzeilen gemacht, haben sich Vermutungen zu Anekdoten verdichtet.

Den Beteiligten ist nicht ganz wohl bei dieser Publicity, denn sind sie erst einmal in die Ecke der idealistischen Weltverbesserer abgedrängt, dann kann ihr Krankenhausmodell, in dem die hierarchische Struktur erstmals durch eine Kollegialordnung ersetzt wurde, wohl nur schwerlich Schule machen.

In Tübingen hatten sie sich Anfang der fünfziger Jahre zusammengefunden: acht junge Assistenzärzte und Medizinstudenten, die in abendlichen Zirkeln die sozialen Probleme der Medizin diskutierten. „Diese Probleme schienen uns“, so der Neurologe Kienle, „die Arbeit des Arztes ungeheur zu erschweren.“ Gemeinsam entwickelten sie das Modell eines Krankenhauses, in dem jeder ausgebildete Spezialist eine unabhängige und selbstverantwortliche Stellung einnehmen kann, was den Beruf des klinischen Arztes wieder attraktiver macht. Denn wenn 93 Prozent der Chirurgen, nachdem sie in den Kliniken ihre Fachausbildung erhalten haben, sich privat niederlassen, argumentieren die Herdecker Ärzte, so sei das nicht allein auf die besseren Verdienstmöglichkeiten zurückzuführen. Der Auszug der Spezialisten aus den Krankenhäusern sei auch durch ein System bedingt, das einen vollausgebildeten und erfahrenen Oberarzt jahre-, möglicherweise jahrzehntelang in direkter Abhängigkeit von einem Vorgesetzten beläßt. Unabhängig ist tatsächlich erst derjenige, der es zum Chefarzt bringt. Die Idee des Tübinger Kreises: Eine Kollegialordnung soll die überkommene Hierarchie – an der Spitze personifiziert durch Chefarzt und Oberschwester – ablösen.

Bestärkt wurden sie dabei durch den Trend zur Spezialisierung im ärztlichen Beruf, ein Trend, der vorläufig allenfalls den Universitätskliniken zugute kommt, während die mittleren und kleinen Krankenhäuser, die sich keine eigenen Fachabteilungen leisten können, über ein Spezialistendefizit klagen.