Von Günter Plum

Die vielen Buchreihen, Bibliotheken, Editionen, die auf dem Büchermarkt angeboten werden, sind seit etwa vier Jahren um ein umfängliches Unternehmen des Verlages Kiepenheuer & Witsch vermehrt worden. Unter dem Titel „Neue Wissenschaftliche Bibliothek“ präsentiert er Literatur-Anthologien zu „Hauptthemen“ der Disziplinen: Wirtschaftswissenschaften, Psychologie, Soziologie, Philosophie, Literaturwissenschaft, Rechtswissenschaft und Geschichte. Für jede der Fachrichtungen wurde eine gesonderte Reihe geschaffen, die ein Hauptherausgeber betreut; die einzelnen Bände, die neben einer Auswahl von Untersuchungen zum jeweiligen „Hauptthema“ eine Einführung, Register und Bibliographie enthalten, werden von Spezialisten ediert. Diese „Wissenschaftlichen Arbeitsbücher“ – wie der Verlag sie nennt – sollen Studenten, Forschern, akademischen Lehrern und Praktikern wissenschaftlicher Anschlußberufe maßgebliche oder besonders umstrittene, „oft schwer erreichbare Originalliteratur“ leicht verfügbar machen.

Spezifischer noch wurde der Zweck des Unternehmens für die „Historische Reihe“ formuliert. Eine „sinnvolle Reform des Studiums“ – darin seien Hauptherausgeber und Editoren einig – lasse sich „schwerlich angreifen“, ohne daß „Voraussetzungen von den Lehrmaterialen her“ geboten würden. Die Bände der Historischen Abteilung sollen den veränderten Anforderungen des Universitätsstudiums gerecht werden, „indem sie den Studierenden eine zuverlässige Einführung in grundlegend wichtige Probleme der Geschichte und der historischen Forschung an die Hand geben ... Zugleich soll damit den Dozenten überhaupt die Möglichkeit eröffnet werden, für die in die Seminare drängenden aber Hunderte von Studierenden einen bestimmten Stoff jeweils verfügbar zu haben, der sonst nur den wenigen, die z. B. das einzige Exemplar einer Zeitschrift in der Seminar- oder Universitätsbibliothek rechtzeitig mit Beschlag belegt haben, zugänglich ist.“ (So der Herausgeber der „Historischen Reihe“, Hans Ulrich Wehler, in: „Moderne deutsche Sozialgeschichte“.)

Wer als Studierender oder Forschender Zeitschriften gerade dann sucht, wenn die gesuchte Literatur zum Themenbereich eines laufenden Seminars gehört, wer sich deswegen etliche Male für Wochen auf die Warteliste vertröstet sah, wird jede sinnvolle Abhilfe begrüßen. In welchem Maße aber die historische Reihe solche Bedürfnisse zu befriedigen vermag, wird bestimmt von der Auswahl und Abgrenzung der Themen und von der Gestaltung der einzelnen Bände.

Ein Blick nun auf die bereits erschienenen und auf die vom Verlag angekündigten Bände läßt eine Schwierigkeit der Themenauswahl deutlich werden: Es regiert nicht so sehr straffe Planung als sozusagen das Angebot an spezialisierten Editoren und zugleich damit an deren speziellen Aspekten und Fragen. So sind die Gewichte in der Ereignisgeschichte bislang noch ungleichmäßig verteilt. Zur Weimarer Republik, beispielsweise, ist ein Band „Von Weimar zu Hitler“ erschienen, vorgesehen sind Bände über die Anfänge der Republik, Stresemann in der Außenpolitik, Brüning; dazu berühren einige übergreifende Themen – Deutsche Parteien 1914 bis 1945, Parlamentarismus, Liberalismus, Pazifismus – mehr oder weniger die Zeit zwischen 1918 und 1933 oder schließen sie ein. Gewiß ist ein Eklektizismus, der den vorherrschenden Forschungsinteressen folgt, nicht zu vermeiden, nur sollte er nicht zum dominierenden Prinzip werden.

Den einzelnen Band zu gestalten – das zeigen die schon erschienenen –, ist nicht minder problematisch. Noch so weitgehende Eingrenzung rettet in der Regel nicht vor der Fülle wichtiger Untersuchungen, von denen nur wenige untergebracht werden können (ohne Bibliographie und Register umfaßt jeder Band rund 450 Seiten). Einige Herausgeber beklagen, daß sie auf ihnen wichtige Beiträge aus urheberrechtlichen Gründen verzichten und sich mit knappen Charakterisierungen in der Einleitung begnügen mußten. Da manche Fragen oder Forschungsergebnisse, die repräsentiert sein müssen, in Monographien vorgelegt wurden, müssen viele Abschnitte aus Büchern oder größeren Aufsätzen abgedruckt werden. Der Stellenwert der abgedruckten Passagen wird nicht erkennbar – gegebenenfalls muß der Leser eben auf das Original zurückgreifen –, und außerdem bleiben Verständnisschwierigkeiten, weil etwa früher Ausgeführtes erwähnt wird oder weil längst erklärte Begriffe verwendet werden. Hier – aber auch bei abgeschlossenen Beiträgen – sollten die Herausgeber mehr Hilfen geben. Dem Benutzer darf die eigene Arbeit nicht abgenommen, aber sie sollte ihm doch so weit erleichtert werden, daß er auf Fundorte hingewiesen wird, an denen er Sachverhalte oder Definitionen nachlesen kann.

Andere Schwierigkeiten bei der Auswahl der Beiträge seien nur angedeutet: daß nicht auszugrenzende Bereiche wenig oder nur unzulänglich erforscht wurden; daß Kontroversen auf so begrenztem Raum oft nur teilweise wiedergegeben werden können; daß eben darum in einem Fall sogar nur ein Beteiligter einer recht polemisch geführten Kontroverse zu Worte kam.