Pop- und Blues-Festival 70 in der Hamburger Ernst-Merck-Halle. Ostersamstag. Ostersonntag. Ostermontag.

Drei Tage lang Pop-Musik. Das klingt vielversprechend. Für den, der sie mag. Und das ist noch immer die Minderheit. Eine friedliche Minderheit. So friedlich, daß sie träge dabei zuschaut, wie sie verkauft wird. Und sie merkt es nicht einmal. Und genießt es noch. Pop und Business. Pop und Pleite. Pop- und Blues-Festival 70. Zu besichtigen in der Hamburger Ernst-Merck-Halle.

Angekündigt waren knapp zwei Dutzend englische und deutsche Pop-Gruppen, die in stündlichem Wechsel den musikalischen Background zu dem geben sollten, was sich im Saal abspielen würde. Festivals dieser Art dienen ja nicht bloß dem einen Zweck, daß sich dort irgendwelche Musiker produzieren. Ebenso wichtig, wenn nicht wichtiger ist die Tatsache, daß hier Tausenden von Jugendlichen Gelegenheit gegeben wird, sich ungehindert zu versammeln und sich ein paar Tage lang dem hinzugeben, was sie für ihr Leben halten. Die Kommunikation innerhalb des Publikums: bei herkömmlichen Konzerten wird sie durch die institutionalisierten Riten so gut wie ganz verhindert, hier soll sie in Gang gebracht und gefördert werden; dort hat jeder hübsch still zu sein, Platz zu behalten und widerstandslos über sich ergehen zu lassen, was auf der Bühne vorgeht, hier kann und soll er tun und lassen, was er will.

Es gab ähnliche Veranstaltungen in England und in den USA. Monterey und Newport; Jazz, Blues, Folksong. Später dann, im vergangenen Jahr, die Free Concerts im Londoner Hyde Park; Bob Dylan auf der Isle of Wight. Dann Woodstock, der Höhepunkt: Alle Hippies werden Brüder. Und endlich das Desaster von Altamont: Hundert Hell’s Angels tyrannisieren eine Menschenmenge von dreihunderttausend. Ein paar Angels schlagen einen Mann tot. Nur so. Vor der Bühne, auf der die Rolling Stones „Sympathy For The Devil“ spielen. Oder meinetwegen etwas anderes, weil das ja inzwischen bestritten worden ist. Die Stones können auch nichts machen. Mick Jagger hat die Leute nicht in der Hand, hier ist Kalifornien, nicht London, und die Angels lachen ihn aus. Dies ist ihr Tag. Wenn die Angels angeheuert werden, um für Ordnung zu sorgen, dann sorgen sie für Ordnung, aber so, wie sie das verstehen. In Altamont wurde ein großer Teil der Hoffnungen begraben, die sich an Woodstock hochgerankt hatten.

Pop- und Blues-Festival in Hamburg. Natürlich, die Dimensionen sind ganz andere. Es handelt sich lediglich um ein lokales Ereignis, allenfalls um ein regionales. Muß man die paar Busse aus Skandinavien wirklich erwähnen? Die paar tausend Leute, die da aus Norddeutschland und Umgebung angereist gekommen sind, stellen offensichtlich keine besonderen Ansprüche an die Musik. Ein dankbares Publikum.

Die angekündigten Gruppen sind bestenfalls zweit-, meist aber drittklassig. Groundhog, Chicken Shack, Steamhammer, Killing Floor, Greatest Show on Earth, Tomorrow Gift, Renaissance, Alexis Korner, Nice, Hardin and York und wie sie sonst noch alle heißen mögen, sie sind zwar alle nicht gerade schlecht, sind, gemessen aneinander, ein bißchen besser, ein bißchen schlechter, aber was heißt das schon, mißt man sie an den wirklich Großen der Pop-Musik, an Bob Dylan, den Rolling Stones, Jefferson Airplane, Jimi Hendrix? Nur jene aber sind es, die wirklich Massen in Bewegung zu setzen vermögen und Hunderttausende anlocken. Und dann, nicht zu vergessen, muß es auch noch umsonst sein.

Die Eintrittspreise für Hamburg waren hingegen ganz beachtlich, fünfzehn Mark pro Tag, fünfunddreißig für alle drei Tage. Geboten wurde dafür ein reichlich zweifelhaftes Involvement. Denn es ging ja nicht einmal die drei Tage ununterbrochen durch: Nach der Nacht wurde die Halle erst einmal geräumt.