Ein Versuch, über deutsche Tiefe heute

Von Horst Krüger

Gestern in diesem großen Selbstbedienungsladen ging es mir wieder blitzschnell durch den Kopf: Natürlich, das genau ist es, und darüber wolltest du doch schon immer etwas schreiben, nicht wahr? Vergiß das nicht, halt es fest, es ist wichtig, obwohl es natürlich auch wieder lächerlich ist, lauter Nebensachen. Man sagt immer, der Mensch von heute habe so viel verloren; er sei eigentlich arm und entseelt, wenn man bedenkt, wie groß und gefaßt der Mensch früher dem Schicksal ins Auge sah. Man sagt: Goethe-Goldgrund, wo ist das geblieben? Man sagt, es gibt keine Tugenden mehr heutzutage in Deutschland, zum Beispiel die Tugend der Innerlichkeit, der Tiefe, deutsche Andacht – wo ist das hin? Professor Holzamer, aber auch CSU-Politiker, glaube ich, klagen, manchmal darüber: unsere inneren Verluste.

Also gestern in diesem Selbstbedienungsladen: Ich sah all die Hausfrauen vor den vollgestopften Regalen stehen. Jede hat da ihr Tragkörbchen, ihr blinkendes Wägelchen vor sich, steht ratlos und stumm vor diesem Warenangebot, das man doch nur als reich, als verschwenderisch, als wirklich europäisch bezeichnen kann. EWG-Markt ist da zu besichtigen. Denkt man: Bier, Bier müßte man haben, dann spaltet sich dieser Begriff im Reichtum unseres EWG-Marktes gleich in fünf Nationen auf. In Frankfurt zum Beispiel kann man nicht nur hessisches und bayerisches, sondern auch elsässisches, holländisches, sogar italienisches Bier in Dosen haben, vom guten Pils, Urquell, tschechisch, ganz zu schweigen. Ich meine, – das Angebot ist schon verwirrend. Wollte ich das eigentlich sagen?

Altäre des Essens

Die Frauen machten mich nachdenklich. Deutsche Hausfrauen haben in diesen Konsumparadiesen eine Art, vor den Regalen zu stehen, die ich nur als andächtig bezeichnen kann. Frömmigkeit steht da mit – vor Blechdosen. Sie blicken mit großen, glasigen Augen auf Waschmittel, auf Seifenkartons. Sie sind in Babyfeinkost und Mehltüten versenkt und starren und starren mit merkwürdig leblosen, verinnerlichten Blicken auf Coca-Cola-Flaschen. Sie sind wie in Trance. Wenn man mit seinem Körbchen, seinem blinkenden Wägelchen sich durch die enge Waren-‚Schlucht seinen Weg bahnt und etwas anstößt bei ihnen, zufällig, spürt man, wie man sie aus tiefer Andacht und Versenkung weckt. Es ist fast, als wenn man jemanden in der Kirche beim Kommuniongang stört. Sie zucken dann immer zusammen, blicken einen verständnislos mit leeren Augen an, murmeln: Schon gut, der Herr, und wenden sich wieder den großen, festlichen Altiren des Essens zu.

Ihre Bewegungen sind deutlich verlangsamt, verunsichert, wie man heute sagt. Wie sie nach längerem Hinschauen zur Babyfeinkost greifen, wie sie das Etikett kritisch mustern, dann das Glas wieder bedenklich zurücklegen, erneut in Betrachtung, versinken und dann plötzlich haargenau denselben Artikel, aber einen Stock tiefer, aus dem Regal nehmen und verstohlen ins Körbchen plumpsen lassen und dann weiterziehen zum Kognakstand. Da ist wieder ein so verwirrendes Angebot der Güter, das lähmt. Das ist ja der Trick aller Selbstbedienungsläden: Lähmung, die gierig macht.