Von Josef Müller-Marein

Paris, im April

Man hat das Gefühl, daß jetzt, da auf den Sturm von Nanterre Windstille folgte, alle Beteiligten ein schlechtes Gewissen haben. Niemand wünschte offenbar, daß der Dekan der geisteswissenschaftlichen Fakultät zurückträte. Denn wenn jemand bei Professoren und Studenten Ansehen und Sympathie genoß, dann war es dieser zierliche, sensible Gelehrte Paul Ricoeur, bedeutender Denker und Verfasser philosophischer Werke, der den Einfluß seines Lehrer Karl Barth nicht verleugnet, ein starker Charakter, ein liberaler Geist. Nun ist er als Dekan von Nanterre zurückgetreten, wobei der Hinweis auf seine zerrüttete Gesundheit keine leere Höflichkeitsfloskel war. Ricoeur ist mit seiner Nervenkraft am Ende.

In seiner Biographie wird Nanterre ein wichtiges Kapitel ausmachen. Wie umgekehrt die Geschichte dieser Pariser Vorort-Universität eng an seine Persönlichkeit geknüpft ist.

Paul Ricoeur war Professor an der Sorbonne, als Christian Fouchet, damals Minister für das Bildungswesen, zwölf Hochschullehrer für den neuen "Campus" von Nanterre suchte. Begreiflicherweise drängte sich niemand, die heiligen Hallen der berühmten Sorbonne und das lebenerfüllte Quartier Latin mitten in Paris gegen einen zweifelhaften Ort in der "roten Bannmeile" zu tauschen. Jedermann war sich freilich klar, daß die Sorbonne "aus allen Nähten platzte".

Im Jahre 1964 brauchte man Raum für schätzungsweise zweitausend Studenten der geisteswissenschaftlichen und der juristischen Fakultäten. Ein Jahr zuvor hatte Fouchet dem Verteidigungsministerium, wobei de Gaulle ein wohlwollender Schiedsrichter war, eben jenes Gelände von rund 30 Hektar im Norden von Paris abgehandelt, das nachmals Schauplatz wilder revolutionärer Kämpfe sein sollte.

Erster Dekan wurde der Sozialist und frühere Widerstandskämpfer Pierre Grappin, ein bekannter Germanist. Ihm war es gerade recht, daß die neue Universität zwischen Fabriken und Arbeiterwohnungen, ja, in der Nähe von Blechbaracken liegen würde, in denen die Ärmsten der Armen, nämlich Tausende von Algeriern, hausten. Und ihm versprach Ricoeur, den die Vision einer "mitten im Volke arbeitenden Hochschule der Zukunft" rührte, er werde die Sorbonne verlassen und nach Nanterre hinüberwechseln. Das geschah 1965.