Das Tier heißt Tullimonstrum gregarium, gleicht auf den ersten Blick einem Fisch, auf den zweiten einem Wurm und entpuppt sich bei genauem Hinsehen als ein Unikum, das mit keiner bekannten Tierart zu vergleichen ist.

Tullimonstrum ist durchschnittlich 25 Zentimeter lang und trägt an seinem einen Körperende zwei schmale dünne Schwanzflossen, am anderen einen sehr kleinen keulenförmigen Kopf, dessen Maulöffnung mit zwanzig spitzen Zähnen bewehrt ist. Der Leib ist, nach dem Bauprinzip der Gliederwürmer, deutlich segmentiert; zum Schwanzende hin verjüngt er sich mäßig, zum Kopf hin stark. Das Verblüffendste an Tullimonstrum aber ist eine in ovalen Verdickungen endende Querstange, die in Brusthöhe fest angewachsen ist; etwas unterhalb davon befindet sich eine Öffnung.

Tullimonstrum ist von einer einzigen Stelle auf der Erde bekannt, und auch von dieser erst seit einigen Jahren und nur in fossilen Resten: Es findet sich in den Tonsteinkonkretionen der Kohlentagebaue südlich von Chikago und hat demnach vor rund 300 Millionen Jahren in den sumpfigen Farnwäldern der Oberkarbonzeit gelebt. Wie es gelebt hat, darüber lassen sich nur Vermutungen anstellen: Zwar blieb der Umriß des Tieres in Abdrücken erhalten, aber über den inneren Bau ließ sich bisher nur im Falle der Querstange etwas ermitteln und auch über diese nur so viel, daß sie hohl gewesen ist, ebenso wie ihre verdickten Enden; an diesen wiederum hat man die Reste einer Pigmentierung gefunden und glaubt annehmen zu können, daß es sich dabei um Augen handelt.

Dem "Kopf" hingegen fehlt jede Andeutung eines Sinnesorgans, und am "Maul" ist keinerlei Gelenkmechanismus zu entdecken. Die Öffnung unterhalb der Querstange schließlich läßt nicht erkennen, ob sie der Nahrungsaufnahme gedient hat oder ein Saugnapf gewesen ist.

Maidi Leibhardt, die kürzlich zusammenfassend über die bisherigen Forschungen am Tullimonstrum berichtet hat, stellt mehrere Deutungsmöglichkeiten zur Wahl:

Entweder schwamm das Tullimonstrum im seichten Wasser, sah mit den Stangenaugen, fraß mit dem zahnbestückten Maul und saugte sich bei Bedarf mit dem Saugnapf fest; oder es wühlte sich (mit den Flossen als Grabschaufeln) teilweise in den Schlamm ein, fraß mit dem Loch unter der Augenstange und benutzte den Hals als Fangarm, das Maul mithin als Klaue und die Zähne als Widerhaken. Da keines der Organe bislang sicher bestimmt werden konnte, sind weitere Deutungen möglich.

Was immer es aber mit dem Kopf, dem Maul, der Augenstange und dem Saugnapf auf sich haben mag: jedenfalls ist das Tullimonstrum eines der seltsamsten Tiere, die je gelebt haben – so etwas wie eine Nullserie der Natur, deren Konstruktionsprinzip schon sehr bald als unzweckmäßig zu den Akten der Lebensgeschichte gelegt wurde.