Von Joachim Nawrocki

Anderthalb Jahre brauchten Prags orthodoxe Kommunisten, ehe sie es wagen konnten, wieder Opa Stalins ausgetretenen Weg der zentralen Planwirtschaft zu beschreiten. Die tschechoslowakischen Wirtschaftsreformen waren auch durch sowjetische Panzer nicht so schnell aufzuhalten. Während der kurzen Phase der Reformpolitik hatten sie beachtliches Eigengewicht gewonnen; die Bevölkerung hatte, obwohl sie durchaus auch mit kurzfristigen Nachteilen zu rechnen hatte, die Vernunft des neuen Wirtschaftsmodells verstanden.

Nach der Intervention im August 1968 wurde deshalb zunächst der Anschein erweckt, als werde die Politik der Wirtschaftsreformen nicht grundsätzlich verworfen. Der damalige Ministerpräsident Černik erklärte Ende 1968: "Wir müssen auf dem im Januar beschlossenen Weg der Wirtschaftsreformen weitergehen – wir haben keine andere Wahl."

In den Betrieben wurden weiter Arbeiterräte gebildet, die nach jugoslawischem Vorbild eine Mitbestimmung der Arbeiter gewährleisten sollten. Aber dem Reformkonzept war bereits das Rückgrat gebrochen. Vereinzelte Reformmaßnahmen wurden noch weitergeführt, doch nur halbherzig und ohne Konsequenz.

Es trat genau das ein, was der bekannteste Prager Reformtheoretiker, Ota Sik, für den Fall vorhergesagt hatte, daß man sein Konzept nur in einigen Wirtschaftsbereichen als Experiment einführen würde. Das wäre das gleiche, so sagte Sik, als wenn man die Vorteile des Rechtsverkehrs in England dadurch erproben wollte, daß man es zunächst den Autobussen gestatte, rechts zu fahren, während alle anderen Fahrzeuge weiter auf der linken Straßenseite bleiben. Ein allgemeines Chaos wäre die Folge. Der Abbruch der gerade begonnenen Reformen nach der Intervention hatte die gleiche Wirkung. Die Tschechoslowakei geriet in Schwierigkeiten, die alle bisherigen Wirtschaftskrisen noch übertraf.

Die neuen Herren in Prag sahen die willkommene Gelegenheit, für den desolaten Zustand der Wirtschaft sogleich die Reformpolitiker verantwortlich zu machen. Aber viele von ihnen hatten den Mut, auch weiter die wahren Zusammenhänge offen darzulegen. Frantisek Kriegel sagte, als er aus dem Zentralkomitee seiner Partei ausgeschlossen wurde, man könne nicht die Ereignisse des Jahres 1968 für zwanzig Jahre verfehlte Wirtschaftspolitik verantwortlich machen.

Josef Smrkovsky, der frühere Parlamentspräsident, der im September 1969 sein Abgeordnetenmandat verlor, verteidigte sich: "Ich sah es als unsere Pflicht an, nach neuen Wegen, neuen Möglichkeiten des Fortschritts zu suchen ... Wir waren drauf und dran, die lahme. Ente des sozialistischen Lagers zu werden." Doch da waren die alten Entenzüchter schon wieder auf dem Vormarsch.