Von Klaus Millau

Die Geschichte, wie Onkel Tacitus starb, ist bislang noch nie erzählt worden. Alle Eingeweihten haben seinen Wunsch geachtet, den Mantel des Schweigens darüber auszubreiten. Auch ich habe fast zweitausend Jahre gezögert, ehe ich mich entschloß, diesen Mantel wegzuziehen. Nicht, daß ich zweitausend Jahre in Fragen der Pietät eine lange Zeit finde. Die meisten denken zwar so, aber ich bin da anderer Meinung. Ich finde es beispielsweise genauso pietätlos, eine alte ägyptische Mumie oder eine germanische Moorleiche im Museum öffentlich zur Schau zu stellen, wie wenn wir unsere verstorbene Großmutter ausnehmen, ausstopfen, gerben und in einem Glaskasten zur Besichtigung freigeben würden; in dieser Hinsicht ist mein Denken dem von Onkel Tacitus verwandt, der immer gegen den Strom der allgemeinen Meinung anschwamm. Der Zeitablauf ist es also nicht, der mich die Geschichte von Onkel Tacitus’ Tod endlich erzählen läßt. Es ist etwas anderes. Es ist die Überzeugung, daß Onkel Tacitus recht und seine Widersacher unrecht hatten. Die Wahrheit – Onkel Tacitus würde mir da recht geben – ist wichtiger als alles andere, wichtiger auch als der letzte Wunsch eines Mannes, dem vor seinem Tode die Märtyrerkrone aufgesetzt wurde. Also dann!

Schon lange war Onkel Tacitus den Römern mit seinen Geschichten von den Deutschen auf die Nerven gegangen, und er wurde nicht müde, immer wieder von neuem anzufangen. Wie tugendhaft bei den Deutschen alles war, wie edel, wie selbstlos und unverdorben, wie aufrichtig die Männer, wie treu die Frauen, wie hehr und rein das Leben und wie hoch in Geltung das Gefühl der verdammten Pflicht und Schuldigkeit. Mit leuchtenden Augen, ohne Blick für das gefährliche Gähnen ringsum berichtete Onkel Tacitus von der Gastfreundschaft der Deutschen, die den Tourismus zum Vergnügen machte; beredt pries er die Frömmigkeit der Deutschen, die die Religion noch als ein herzwärmendes Geschenk der Götter empfanden, und begeistert erzählte er von dem Fleiß und der tiefen Nachdenklichkeit dieses Volkes, welches Kriege immer nur für das allgemeine Wohl betrieb und nie für ein Imperium, einen Cäsar oder gar ein Stück Land in Unteritalien.

Viele Jahre lang hatte Onkel Tacitus diese Glocke geläutet. Es ist für jeden humanistisch Gebildeten klar, daß sie für die Römer nur häßliche Mißtöne erzeugte, aber für jeden mit der menschlichen Seele Vertrauten ist auch klar, daß Onkel Tacitus dies nicht störte und er unermüdlich weiter an seinem Glockenstrick zog. Der gute Onkel hatte nämlich eine Wahrheit erkannt, und daß sie seinen Landsleuten und Zeitgenossen eine unbequeme Wahrheit war, hinderte ihn nicht, an ihr festzuhalten und sie immer wieder zu verkünden. Daß sein Geläute im Laufe der Jahre immer greller wurde, lag doran, daß Onkel Tacitus zu der Überzeugung gekommen war, das Römische Reich würde untergehen, wenn man nicht auf ihn hörte – und hatte er nicht recht? Knapp vierzehnhundert Jahre später war es mit dem Römischen Reich endgültig vorbei.

Da Onkel Tacitus zur damaligen High Society gehörte, wandte er sich mit seinen Mahnungen an die führende Klasse. Besonders dem amtierenden Cäsar lag er dauernd in den Ohren, und das ging so lange, bis der sich entschloß, etwas zu tun.

Zur Auswahl standen eine Reihe von Möglichkeiten. Man konnte Onkel Tacitus zum Statthalter der Provinz Kakadonien-Ost ernennen (von wo die Post sechs Wochen dauerte) oder ihn den skythischen Hunden vorwerfen oder ihn mit einem – von ihm unbemerkt – formnichtigen Vertrag adoptieren und durch die Hoffnung, dereinst als Nachfolger Cäsars das Reich zu reformieren, zum Schweigen bringen (die Römer waren praktische Juristen). Denkbar war auch, Onkel Tacitus zum Militär einzuberufen und nach Brindusium zu schicken, wo gerade das Schwarzfieber wütete. Erwogen wurde ferner die Möglichkeit, eine Kommission von sechzig Experten aller Fachgebiete unter seiner Leitung einzusetzen und seine Ideen auf diese Weise zu paralysieren. Ein anderer Vorschlag betraf die Möglichkeit, durch gewisse Manipulationen im städtischen Einwohnermeldeamt das römische Bürgerrecht von Onkel Tacitus verschwinden zu lassen, ihn zum Sklaven zu degradieren und ihm so Gelegenheit zu geben, die Segnungen des einfachen, tugendreichen und arbeitsamen Lebens einmal persönlich zu erfahren (die Römer waren auch schöpferische Juristen). Es gab also eine Fülle von Möglichkeiten, und Onkel Tacitus, der den Eindruck hatte, überall auf taube Ohren zu stoßen, irrte sich sehr.

Es begab sich aber zu dieser Zeit, daß Cäsar gerade ein neues Stadion erbaut hatte, eine kolossale Sache, welche schon von der Größe her – das Stadion bot einer halben Million Menschen Platz – dem römischen Volk unerhörte neue Freuden versprach. Zur Feier der Einweihung verfügte Cäsar ein Fest, das hundert Tage dauern sollte. Da es in Rom keinen einzigen Menschen gab, der arbeitete – von Sklaven abgesehen, die aber keine Menschen waren –, war ein solches Fest dazu angetan, die Freizeitprobleme der Bevölkerung erheblich zu reduzieren. Freilich waren die Erwartungen sehr hoch gespannt; es bestand Einigkeit darüber, daß man die Garde ermuntern würde, Cäsar zu ermorden und den nächsten Listenkandidaten, einen gewissen Hadrian, vorzeitig auf den Thron zu setzen, wenn es nur die geringste Enttäuschung gäbe. Dem Palatin wiederum war diese Volksstimmung natürlich bekannt, und die klügsten Köpfe des Zeitalters zerbrachen sich dieselben in dem Bestreben, die Wünsche des Volkes zu erfüllen.