Von Sepp Binder

Berlin, im April

Gründonnerstag 1968: Auf dem Berliner Kurfürstendamm zerrt der Anstreicher Josef Bachmann den Studentenführer Rudi Dutschke vom Fahrrad. Dreimal schießt er aus einer umgebauten Gaspistole auf das prominenteste Mitglied des Sozialistischen Deutschen Studentenbundes. Das Signal aus Berlin setzt Emotionen frei: Sentimentalität und Heuchelei, ehrliche Betroffenheit und hämische Genugtuung in der ganzen Bundesrepublik. In der Berliner SDS-Zentrale, Kurfürstendamm 140, diskutieren die Genossen letzte strategische Blockadepläne. Der SDS treibt in wenigen Stunden die Studentenrevolte ihrem Höhepunkt entgegen. Nach vier Tagen zählt man zwei Tote und Hunderte von verletzten Demonstranten und Polizisten auf den Schlachtfeldern vor den Springer-Häusern. Der SDS wähnt sich im revolutionären Vorraum politischer Macht.

Gründonnerstag 1970: Brettervernagelte Fenster, bröckelnde Fassade – die vierstöckige Ruine am Kurfürstendamm 140 beherbergt nur noch eine Schar staubbrauner Türkentauben. An die Bewohner von einst erinnert sich der Zeitungshändler an der Ecke: „Der Sarghändler im Parterre ist in eine Nebenstraße verzogen, und die Studenten – ja, wo sind die eigentlich?“

Vor über einem Jahr verließ der SDS seine Genossen, die in den SDS-Initialen noch ein politisches Revolutionsprogramm zu entdecken glaubten, mieteten sich in einem Stundenhotel in der Eislebener Straße 14 ein.

Vor wenigen Tagen hat sich der SDS-Bundesvorstand in Frankfurt aufgelöst. Der Berliner SDS existiert, wie die meisten Landesverbände, nur noch auf dem Papier. Die Bürger atmen auf. Politiker und Polizisten fühlen sich wieder sicher. Das Stadt-Establishment schläft wieder ruhiger. Ein Türanschlag in der Eislebener Straße 14 vertröstet ungeduldige Genossen: „Bis Ostermontag keine Bürostunden.“ Die Revolution ist in die Ferien gefahren, nach Sylt, nach London, in die Heide.

Vor zwei Jahren noch galt der SDS so manchem linken Gesellschaftskritiker – wie etwa dem Marburger Professor Wolfgang Abendroth – als „einzige intakte und legale Opposition“. Danach steigerte sich der Verband immer stärker in eine Demonstrationspsychose hinein, die Wasserblasen bewirkte, aber kaum Veränderungen. In einer Kreuzberger Kommune gipfelt heute die Selbstkritik in der Erkenntnis: „So mancher von uns hat Marx mit Muskelkater verwechselt.“