Einer der Gründe dafür, daß Bakterien als genetische Studienobjekte beliebter sind als Zellen höherer Organismen, hängt mit der Tatsache zusammen, daß ein Bakterium von jedem Chromosom gewöhnlich nur ein Exemplar enthält, während die Zellen höherer Organismen (mit Ausnahme der Geschlechtszellen) diploid sind, also von jedem Chromosom zwei Exemplare enthalten – eines, das die genetische Information des einen Elternteils und eines, das die genetische Information des anderen trägt.

Diese Doppelbestückung erschwert es dem Forscher, zum Beispiel künstlich hervorgerufene Erbänderungen (Mutationen) zu untersuchen; denn eine solche Veränderung in der Struktur eines Chromosombestandteils, eines Gens, kann unentdeckt bleiben, weil das entsprechende Gen in dem anderen Chromosom gleicher Art intakt ist und den Fehler gewissermaßen kompensiert, weshalb sich dieser phänotypisch, etwa als Veränderung der Zellfunktion oder des Zellwachstums, nicht bemerkbar macht.

In diesem Zusammenhang ist ein Experimentalergebnis interessant, über das Jerome Freed und Liselotte Mezger-Freed in den „Proceedings of the National Academy of Sciences“ (Band 65, Seite 337) berichten.

Das Forscherehepaar vom Institute for Cander Research in Philadelphia entfernte aus befruchteten Frosch-Eizellen, deren Kerne sich noch nicht vereinigt hatten, den mütterlichen Zellkern, um so Froschembryos aus Eizellen wachsen zu lassen, die nur den mit der Samenzelle hineingebrachten väterlichen Satz Chromosomen enthalten. Auf diese Weise müßte, so sagten sich die Wissenschaftler, Gewebe entstehen, deren Zellen alle haploid sind, in denen jedes Chromosom nur einmal statt zweimal enthalten ist.

Sehr viele Versuche, dieses Ziel zu erreichen, schlugen fehl. Immer wieder entstanden neben den haploiden auch spontan diploide Zellen, die dann die haploiden verdrängten. Endlich aber, nach zehn Jahren, ist es dem Ehepaar Freed jetzt gelungen, haploide Zellverbände zu züchten. Prinzipiell, so erklären die amerikanischen Forscher, müßte es nun auch möglich sein, Gewebe aus haploiden Menschenzellen zu züchten.

V. G.