Von Dieter E. Zimmer

Schwer vorzustellen, welches hilfreiche Etikett die frühen Leser des englischen Dandys Ronald Firbank (1886 bis 1926) herangezogen haben, um sich seine Art des Schreibens kommensurabel zu machen; es scheint so etwas wie „Impressionismus“ gewesen zu sein. Wie dann kommt es, daß er gerade jetzt zum erstenmal für Deutschland entdeckt wird – in einer Zeit, da der Impressionismus (in der Wertschätzung von Künstlern und Kritikern, nicht auf Auktionen) immer tiefer in die Baisse absinkt und die wenig anzufangen weiß mit Ästheten, deren Diät wie die Firbanks aus Champagner und Pfirsichen besteht, die eine morbide und mokante Eleganz kultivieren und das Wort „Dekadenz“ nicht als Schimpfwort empfinden? In einer Zeit, die sachlich-glatte Paperbacks jenen Büchern vorzieht, die einem Brevier gleich in rotes Velour gebunden sind wie nun „der erste Firbank“ in deutscher Sprache –

Ronald Firbank: „Die Exzentrizitäten des Kardinals Pirelli betreffend“ (Originaltitel: „Concerning the Eccentricities of Cardinal Pirelli“), Roman, aus dem Englischen von Werner Peterich, Nachwort von Arthur Waley; Carl Hanser Verlag, München; 134 S., 14,80 DM.

Der „Kardinal Pirelli“ war Firbanks letzter Roman; er erschien in seinem Todesjahr. Firbank hat neun kurze Romane, eine Geschichte und ein Theaterstück geschrieben: 766 Seiten alles in allem, 1928, zwei Jahre nach seinem Tod, in einer fünfbändigen Gesamtausgabe gedruckt. Von dem von ihm hinterlassenen Geld finanziert, verbreitete sich seinerzeit die Kunde von ihm in einer Auflage von 235 Exemplaren. Trotzdem hat es sich um kein Luxusbegräbnis gehandelt. Warum also die Firbank-Renaissance in den letzten Jahren, die eher eigentlich eine Naissance war – bei derartig Entlegenem? Nur aus Gründen des Kontrasts?

Es will mir scheinen, als hinge sie damit zusammen, daß sich ein Buch wie der „Kardinal Pirelli“ heute auf eine durch und durch zeitgemäße Art lesen läßt, nämlich als eine Art historischer Pop-Roman. Nicht zufällig zählt Susan Sontag in ihrem Essay über „Camp“ Firbanks Bücher zum Camp-Kanon: zu einer peripheren Kunst höchster dekorativer Stilisierung bei minimalem, einfältigem oder überspanntem Inhalt, die sich entweder nie ernst genommen hat oder jedenfalls nicht mehr ernst genommen zu werden braucht. Die Aufnahme unter die outrierten Fragwürdigkeiten des Camp verdankt Firbank zweifellos in erster Linie der überzogenen und affichierten Kostbarkeit seiner Welt, über die er sich gleichzeitig lustig macht.

Ein Pop-Roman aber ist der „Kardinal Pirelli“ in einem anderen Sinn: Seine Welt ist durch und durch eine zitierte Welt. Nicht auf die primäre Realität hat es Firbank abgesehen und auf eine Extrapolation ihres Sinns, sondern auf die sekundäre Realität: auf den Bereich der Vermittlungen, auf jenes Konglomerat aus Gerüchten, Nachrichten, vererbten Klischees, Werbesprüchen, trivialen und hohen Kunstwerken, Opern und Operetten, das in unserem Vorstellungshaushalt weitgehend die Stelle von primären Erfahrungen einnimmt.

Was Firbank im „Kardinal Pirelli“ errichtet, ist ein Spanien in Anführungszeichen: ein Bild, zusammengesetzt aus zweifelhaften Spanien-Bildern. Handlung gibt es nur als Vorwand. In zehn filmischen Szenen wird der überreichlich mit Oleander bewachsene, von seguidillas durchklungene, mit azulejos bepflasterte, von Nonnen und Toreros bevölkerte, mit düsteren religiösen Gemälden behangene Umkreis einer spanischen Kirche vorgeführt, in der einem Kardinal seine „Exzentrizitäten“ zum Verhängnis werden; erst hat er das Hundekind einer duquesa getauft, am Ende wird er, nur mit einer Mitra bekleidet, in der Kirche aufgefunden, wo ihn bei der Verfolgung eines schönen Knaben der Tod ereilt hat. „Er seufzte und blickte zu den Schalen der Magnolienblüten empor, die über den Turm hinausragten und von der ewig treulosen Nacht mit dem Azurblau der Heiligen Jungfrau übergössen waren. Ins Wunder des Mondlichts getaucht, waren die elfenbleichen Kugeln zum Platzen prall. ‚Madrid am Manzan-ares‘, intonierte er. ‚Clemenza‘ aber liegt selbstverständlich im weißen Andalusien.“ Selbstverständlich – denn dem Spanien-Bild ist Spanien nirgends so spanisch wie in Andalusien.