Von Detlef Schwerin

Kalkutta, im April

Bengalen 1970 erinnert einen Deutschen der jüngeren Generation an das, was er über die letzten Jahre der Weimarer Republik gehört hat. So konnte es gewesen sein, die Situation lehrt einen das Fürchten. Der wesentliche Unterschied ist natürlich, daß es hier noch eine handlungsfähige Zentralregierung gibt, die auf Grund der Verfassung unter bestimmten Voraussetzungen die Regierungsgewalt eines Teilstaates bis zu Neuwahlen übernehmen kann. Das ist nun in Bengalen geschehen. Damit wird der Anarchie vorläufig Einhalt geboten und den Parteien eine Atempause gewährt.

Vor einem Jahr wurde in Bengalen, einem der volkreichsten Staaten Indiens, zum zweitenmal seit 1967 eine Volksfrontregierung mit vierzehn Parteien gebildet. Die am weitesten links stehende und stärkste Partei dieser Koalition war die china-orientierte KP Marxist (KPM), eine der drei kommunistischen Varianten in diesem Land, die sich gegenseitig nach bewährter linker Tradition bis aufs Messer bekämpfen.

Neben der KPM existieren weiterhin die alte moskautreue KPI und schließlich drittens die sogenannten Naxaliten, die sich einer Politik der Gewalt und des politischen Mordes verschrieben haben, worin sie in Bengalen allerdings eine lange Reihe bewunderter Vorgänger haben. Die nur lose organisierten Naxaliten finden ihre Anhänger vor allem unter der Studentenschaft. Sie lassen sich, dies ihr Vorwurf an die Adresse der KPM, nicht durch den Parlamentarismus korrumpieren und domestizieren, sondern glauben noch an „liberation through peoples armed struggle“ oder an Revolution through the barrel of a gun“.

Nicht viel besser indes ist die Position des ehemals allmächtigen Kongreß. Diese Partei verlor in den allgemeinen Wahlen von 1967 in ganz Indien ihre Vorrangstellung und bemüht sich seitdem angestrengt um eine neue Linie. Dies wurde sichtbar, als sich die Partei kürzlich in eine Pro- und eine Anti-Indira-Gandhi-Fraktion spaltete. Obwohl der Kongreß dadurch momentan geschwächt wird, haben politische Kommentatoren diesen Schritt – bei dem sie sich auf Gandhi berufen können – begrüßt, weil damit die überparteiliche Sammelbewegung des Freiheitskampfes endgültig einer ideologisch ausgerichteten Partei weicht.

In Bengalen wird dieses Bild durch den Bangla-Kongreß bereichert, eine regionale Splitterpartei des Kongreß, die 1968 als Ein-Mann-Bewegung eines Kongreß-Dissidenten begann und die in der letzten Volksfrontregierung als zweitstärkste Partei den Ministerpräsidenten stellte.