21. März

In und um Kyoto soll es zweitausend Tempel und Schreine geben; Tempel für die Buddhisten, Schreine für die Shintoisten. Lange wird sich Japan, wo in den Großstädten der Quadratmeter Boden inzwischen so viel kostet wie in ungeheuren (von 200 Dollar aufwärts), diesen ungeheuren Luxus nicht mehr leisten können. Es wird bereits davon gesprochen, daß der Kaiserpalast, der mitten in Tokio auf teuerstem Boden steht, abgerissen werden soll.

Zu jedem Tempel wie zu jedem Schrein gehören meistens mehrere Gebäude, und auf jeden Fall gehört dazu der Stolz des Japaners, der Ort der Ruhe für ihn, so sagt er, und der Konzentration: der japanische Garten. Zweitausend Tempel heißt also auch: zweitausend Gärten, und manche davon riesig.

Diese Tempel und Schreine sollen zur Hälfte in Privatbesitz sein, zur Hälfte gehören sie dem Staat. Hochgestellte Beamte bekommen daher, wenn sie Glück haben, eine Dienstwohnung in einem der Nebengebäude eines Schreins. Auch Priester haben ihre Wohnungen dort, hochherrschaftlich.

Aber es gibt natürlich nicht, wie es auf dem Papier der Religionsstatistik steht, 40 Prozent gläubige Shintoisten und 40 Prozent gläubige Buddhisten in Japan. In der Großstadtbevölkerung und in der jüngeren Generation herrscht ein auf der einen Seite von Atheismus, auf der anderen von vager Gottgläubigkeit begrenzter Agnostizismus vor – genau wie in Europa.

Den Göttern der Tempel und Schreine wurde eine vollautomatische Form, sich zu äußern, zur Verfügung gestellt: Man wirft zehn Yen in einen Automaten, der gleich neben den Kerzen und den Weihrauchstäbchen steht (auch da haben alle Götter offenbar den gleichen Geschmack), und dann stanzt der Gott in einen vorgedruckten Zettel Lebensprognosen ein. Wenn einem die Prognosen gefallen, hängt man den Zettel an den Ast eines Strauches vor dem Tempel und wünscht, daß sie wahr werden.

Das Interessante daran ist, wie sehr sich die Themen überschneiden – mit denen, die unsere Astrologen und Wahrsager beschäftigen. Die Sorgen der Menschen sind einander doch recht ähnlich, in Kyoto wie in Castrop-Rauxel.