München

Weil die Münchener Katholische Kirchenzeitung ihre Leser dazu aufrief, für die Ostpolitik Bundeskanzler Brandts zu beten, ist die CSU böse.

Das Hausblatt Kardinal Döpfners hatte den Gläubigen Bayerns als Gebet vorgeschlagen: „... daß Du dem Versuch unserer Regierung, mit den verantwortlichen Politikern im anderen Deutschland ein Gespräch zu beginnen, Deine Aufmerksamkeit und Gnade schenken wollest – wir bitten Dich, erhöre uns!“ Der CSU-offizielle Bayern-Kurier witterte in diesem Gebet eine Art Gotteslästerung, nämlich „den Versuch, die moralische Institution der katholischen Kirche auf dem Weg der Gebetsmanipulation zur Unterstützung einer bestimmten Politik zu mißbrauchen“.

Dem erbosten Blatt drängte sich „unwillkürlich der Vergleich mit den Jahren 1933 bis 1935 auf“. Damals nämlich habe laut CSU-Kurier die Kirche den „untauglichen Versuch“ gemacht, den nationalsozialistischen Staat „durch Zustimmung“ für sich zu gewinnen. Das katholische Massenblatt neue bildpost kam dem Bayern-Kurier zu Hilfe und fragte nach dem Geisteszustand jenes „Bittgebet-Verfassers“ aus München. Wie könne man Ulbricht, Stoph und Genossen Nächstenliebe angedeihen lassen, wollte das Wochenblatt aus dem Sauerland wissen. Auch die bildpost erinnerte sich „an gewisse Fürbitten für die Nationalsozialisten“ und schlug als Gebetstext vor: „... daß Du den Katholiken allesamt das klare Denken abgewöhnen wollest, wir bitten Dich, erhöre Brandt!“

Die Würzburger Allgemeine Sonntagszeitung entlarvte den Gebets-Verfasser schließlich als SPD-Mitglied und vermerkte entrüstet, daß das polnische KP-Organ Trybuna Ludu das Münchener Gebet als Indiz dafür werte, daß sich gewisse Kreise der Kirchenhierarchie von den „kaltkriegerischen Ansichten nationalistischer Politiker vom Zuschnitt Strauß“ distanzierten.

Der Kirchenzeitungsleser Hubert Skrobanek aus München beschwerte sich bei der Redaktion über das Gebet für die „bundesrepublikanische Rotfront“ und schlug seinerseits als Gebetstext vor: „... daß Du den von einer sozialdemokratischen Regierung bereits angerichteten und noch zu erwartenden Schaden vom deutschen Volk abwenden wollest und daß Du Kirchenzeitungsredakteuren die Fähigkeit verleihen mögest, Sozialdemokraten als das zu erkennen, was sie wirklich sind ...“

Publik schließlich verteidigte das Gebet für die regierungsamtliche Ostpolitik und bewertete die „Dreschflegel-Kritik“ des Bayern-Kurier und der neuen bildpost als „Paradebeispiel für das Unheil fanatischen Schablonendenkens“. H. Ko.