ZDF, Sonntag, 5. April: Billy Graham predigt in der Strafanstalt Werl

Erstes Gebot: Rühre die Trommel. Bedenke, daß es keine bessere Reklame für dich gibt als einen Auftritt im Fernsehen, und trag Sorge dafür, daß man deine bevorstehende Evangelisationskampagne erwähnt. Nutze die Chance, die der Bildschirm dir schenkt, sprich leise und herzlich, von Stube zu Stube: Mandoline, nicht Maschinengewehr. Vor allem wähle den richtigen Ort – statt des Zirkus die Kirche, statt des Massenaufmarsches die Sonntagsgemeinde. Rede als Pfarrer, profitiere vom Image des Amtes, aber rede zu den richtigen Leuten. An Stelle der Mütterchen mit dem Kapotthut brauchst du junge Leute und Männer – und zwar solche, die dich nicht stören. Geh also in ein Gefängnis, natürlich nicht in ein beliebiges, sondern in das größte, das es gibt weit und breit, ein Gefängnis mit vielen Lebenslänglichen und einem stattlichen Saal. Scheue dich nicht, in die Fußtapfen des großen Johannes zu treten, bedenke vielmehr, wieviel auch dieses vorgegebene Muster dir nützt. Errechne den Stimmungsgehalt: Heilsarmeerhythmen hinter den Gittern, schwere Jungen lassen Christus aus der Marter Banden erstehen, ergriffen legt ein Häftling seinen Arm um des Nebenmanns Schulter, und du, Billy, sprichst ihnen Trost zu, den Ärmsten der Armen.

Zweites Gebot: Wenn du die Kanzel besteigst und hinunter ins Publikum schaust, befolge den Leitsatz, der lautet: Ein guter Redner denkt mit dem Gehirn der Gemeinde, weil er weiß, wenn er sich nicht beliebt machen kann, ist er verloren ... also muß er das Publikum zwingen, sich mit ihm, seinen Symbolen und seiner Sprache, zu identifizieren. Die Sünde, Billy, sprich von der Sünde und vergiß nicht, deine eigene Schuld so groß wie möglich zu machen! „Ich habe viele Dinge getan, die ich nicht hätte tun sollen“ ... ja, das ist der richtige Ton.

Drittes Gebot: Erhöhe deine Glaubwürdigkeit, indem du Autoritäten zitierst. Gott allein tut es nicht, du mußt dich auch handgreiflich ausweisen können. Sag, daß du berühmte Filmstars gekannt hast, und wenn es im Land, vor dessen Bewohnern du sprichst, so etwas wie ein Symbol der Autorität und höchsten Verläßlichkeit gibt, dann stell eine Verbindung her zwischen dir und diesem Symbol: „Kanzler Adenauer sagte mir einmal, auch er...“ – na siehst du, Billy, da haben wir’s ja schon.

Viertes Gebot: Du darfst niemals vergessen, daß du den Leuten etwas anbieten mußt, von dessen Wert sie nicht sehr überzeugt sind. Dein Verkaufsgespräch muß sich also auf die Gegenreklame einstellen, die deine Ware als alt und verstaubt etikettiert. Hier wäre die Verteidigung falsch, die historische Nuancierung unangebracht, hier hilft nur eine Attacke, die alle gesellschaftlichen und geschichtlichen Barrieren kurzerhand ignoriert und derart das Älteste als das Neueste auf den Ladentisch bringt. Zur Hölle mit euch, Soziologen: The heart of man is still the same.

Fünftes Gebot: Nimm Rücksicht auf die Gruppenzugehörigkeit deiner Gemeinde und sprich so unverbindlich wie möglich. Achte darauf, Worte zu wählen, die dein Publikum der psychischen Prädisposition entsprechend mit den verschiedenartigsten Inhalten auffüllen kann. Rede allgemein-menschlich, werde aber konkret, wenn du die Eigenschaften deiner Ware beschreibst. Vor allem realisiere ihre Auswirkungen sehr exakt unter dem Aspekt des Erfolgs: Wer als Nichtchrist beim Examen jämmerlich scheitert, besteht es nach der Konversion mit Glanz; wer glaubt, kann seinen Kopf abends getrost aufs Kopfkissen legen. (Aber ob’s im Gefängnis überhaupt Kopfkissen gibt? Ein Lob dem Übersetzer, einen Tusch für Herrn Schneider, der das Kopfkissen wegließ und nur von Einschlafen sprach!)

Sechstes Gebot: Vergiß in keinem Augenblick, daß du Fabrikherr bist: Keine Anspielungen also, die deinesgleichen ärgerlich sind, aber auch kein plumpes Verschweigen, das die Gegenpropaganda, später, ausnützen könnte. Bedenke die Lehre der Spezialpsychologie: Schon eine bloße Erwähnung von gefährlichen Punkten reicht aus, um die Menschen gegenüber anderen Meinungen zu immunisieren. Nimm es also getrost in den Mund, das Wort Vietnam, sage, daß wir alle froh wären, wenn ... das genügt schon. Die Hauptsache ist, daß du die privaten, die kleinen, die individuellen Probleme für wichtiger ausgibst als die allgemeinen und großen: So darfst du gewiß sein, daß sich hienieden nichts ändert.