Von Karl-Heinz Wocker

Entscheidungstage werden in Großbritannien gern „D-Day“ genannt – in Erinnerung an die Landung in der Normandie, mit der sich das Ende des Krieges Normandie, Der der Februar 1971 ist wiederum ein „D-Day“, wenn auch ganz anderer Natur. Er markiert den Beginn einer Schreckenszeit. Das „D“ steht für „decimal“: für die Umstellung auf ein neues Rechensystem.

Der Tag liegt jetzt noch rund zehn Monate in der Zukunft, und es ist jene ominöse Zehn, die in den Köpfen von Ladeninhabern, Hausfrauen und Lehrern spukt. Das Dezimalisierungs-Gesetz von 1965 bestimmt, daß an jenem Tage Banken, Behörden und Postämter dazu übergehen, ein Pfund Sterling nicht wie bisher zu 20 Shilling von je 12 Pennies zu rechnen, sondern zu 100 (neuen) Pennies. Eine Übergangsperiode ist vorgesehen, die bis zum August 1972 dauert und das Nebeneinander der alten und der neuen Münzen erlaubt. Was sich dann abspielen wird, muß man sich etwa folgendermaßen vorstellen: Zum U-Bahn-Schalter kommt ein Fahrgast, der ein Ticket kaufen will, das sechs (bisherige) Pennies kostet. Er legt fünf (neue) Pennies auf die Theke und bekommt sechs (alte) heraus.

Natürlich hat die Übergangszeit längst begonnen. Sorgsame Ladenbesitzer versehen bereits in diesen Wochen ihre Waren mit doppelter Preisauszeichnung, und die entsetzten Kunden bereiten sich auf die Zeit vor, da die Schachtel Pralinen nicht mehr siebzehn Shilling und six Pence kostet, sondern siebenundachtzigeinhalb Pennies – für britische Denkweisen eine geradezu alberne Summe. Schon jetzt kursieren einzelne Dezimalmünzen: neben dem Ein-Shilling-Stück gibt es dessen künftiges Fünf-Penny-Äquivalent, neben den zwei Shillingen die neuen zehn Pennies, und vor allem – viel angefeindet und viel belacht – das siebeneckige Fünfzig-Penny-Stück, das bereits die alte Zehn-Shilling-Note abgelöst hat. Sie ist mit dem Halfpenny und der Halfcrown (zweieinhalb Shilling) in den letzten Monaten des Jahres 1969 aus dem Verkehr gezogen worden.

Am eigentlichen D-Day erscheinen nur noch die kleinsten Einheiten neu: der halbe Penny, der Penny und das Zwei-Penny-Stück.

Die Behörden sind überrascht, wie viele Geschäftsleute den Todestag des Shilling noch mit geruhsamem Nichtstun erwarten. Anfragen beim eigens ins Leben gerufenen „Dezimal-Amt“ zeigen, daß selbst größere Betriebe noch nicht einmal mit dem Training ihrer Verwaltungsabteilungen begonnen und daher auch keine Ahnung haben, was das Amt alles anbietet, um diesen Prozeß zu erleichtern. Wandtabellen und Handscheiben rechnen altes Geld in neues um, wo immer man geht und steht. Die Dezimal-Instruktionsliteratur füllt ganze Bücherregale. Gab es bisher unter jeder Ladentheke den sogenannten „ready reckoner“, ein Nachschlagebuch dicken Formats, das einem die Rechenakrobatik ersparte und das auch die dreieinhalbprozentigen Zinsen für £ 800 in sechs Monaten parat hielt, so bieten die gleichen dicken Handrechner jetzt das alles mitsamt dem Dezimalwert an.

Ein Hexeneinmaleins