Hamburg

Dieses Urteil ist der helle Wahnsinn!“ rief Strafverteidiger Dr. Josef Augstein aus, als sein Mandant, der Hamburger Frauenarzt Dr. Rudolf Hellmann, wegen „Totschlagversuchs durch Unterlassung“ zu einer Freiheitsstrafe von zwei Jahren mit Bewährung und 10 000 Mark Geldbuße verurteilt worden war.

Verurteilung und Höhe des Strafmaßes kamen für die meisten überraschend, denn das Schwurgericht war noch über den Strafantrag des Staatsanwalts hinausgegangen, es hatte kein Motiv für die Tat herausgefunden und – was in deutschen Prozessen außergewöhnlich – gegen das Votum der Sachverständigen entschieden.

Mehrere Professoren hatten ihrem Kollegen Hellmann bescheinigt, daß er aus sehr begreiflichen Gründen geirrt haben könne, als er am 12. Februar 1968 ein Siebenmonatskind für nicht lebensfähig erklärte. Das Kind hatte überlebt, dank der Hebamme, die sich gegen die Entscheidung des Arztes gestellt hatte.

Das Schwurgericht jedoch hielt „einen Irrtum über die Lebenschancen für ausgeschlossen“. Es folgte den Aussagen der Hebamme, die behauptet hatte, das Kind habe eine normale Rötung gezeigt, eine normal einsetzende Atmung gehabt und mit zarter, feiner Stimme geschrien.

Weder Richter noch Geschworene noch Staatsanwalt hatten, sich von den Ausführungen der Sachverständigen ganz überzeugen lassen. Alle Experten mußten einräumen, daß sie die Frage nach den voraussehbaren Lebenschancen des Kindes nicht präzise beantworten können, weil sie das Kind nicht selbst gesehen haben. Sie sprachen statt dessen von statistischen Möglichkeiten, von der schlechten Erwartungssituation, von den vielen Komplikationen dieses extrem seltenen Geburtsfalles. Zwischenfrage eines Richters: „Aber Komplikationen begründen doch bloß Möglichkeiten. Es könnte also anders gewesen sein?“ Sachverständiger: „Richtig.“ Der Staatsanwalt hatte nachgebohrt: „Muß man nicht immer bedenken, es könnte auch anders sein?“ Dazu jetzt das Gericht: „Ein Geburtshelfer muß alles unternehmen, um das Kind zu retten, auch bei einer Überlebenschance von einem Bruchteil eines Prozentes. Hier lag aber nicht einmal ein Grenzfall vor.“

Es wollte dem Gericht nicht einleuchten, daß der Arzt das Kind, anstatt es wie üblich durch die Hebamme versorgen, waschen, wiegen, messen, ins Körbchen legen, wärmen und eventuell mit Sauerstoff beatmen zu lassen, es gleich in einer Schüssel auf einer Toilette hatte abstellen lassen.