Von Hans-Albert Walter

Mitglieder und Freunde der „Gruppe 61“ schrieben im Frühjahr 1969 einen literarischen Wettbewerb für Arbeiter und Angestellte aus. Ein normaler Arbeitstag oder ein bemerkenswerter Vorfall aus. dem Arbeitsleben sollten wiedergegeben werden. Von den etwa einhundertfünfzig Einsendungen wurden dreißig in die engere Wahl gezogen und zehn prämiiert. Der siebenköpfigen Jury gehörten unter anderem Max von der Grün, Erika Runge, Franz Schönauer und Günter Wallraff an. Die Texte wurden beurteilt nach der Übereinstimmung von Absicht und Aussage; der Angemessenheit des sprachlichen Ausdrucks; dem Gehalt an Informationen aus der Arbeitswelt; nach dem Grad kritischen Bewußtseins, das der Verfasser erkennen ließ, schließlich nach ihrer gesellschaftskritischen Funktion. Auf zehn Druckbogen liegen nun, neben Hinweisen und einer programmatischen Einleitung, siebzehn dieser Arbeiten vor –

„Ein Baukran stürzt um“ – Berichte aus der Arbeitswelt, eingeleitet von Karl D. Bredthauer, Heinrich Pachl und Erasmus Schöfer; R. Piper & Co Verlag, München; 160 S., 8,– DM.

Der Aspekt, unter dem die Texte zu sehen sind, ist nur bedingt ein literarischer. Die Herausgeber verfolgen mit ihnen, ganz andere Pläne, als etwa das Spektrum der deutschen Literatur um einen Erfahrungsbereich zu vergrößern.

Dennoch ist ein Wort über die literarische Qualität der Arbeiten notwendig. Wenigstens ein Autor, Bernd Bergen, läßt innerhalb des von ihm verwendeten Genres beachtliches Talent erkennen. Die Qualität, der Beiträge von Erika Ruckdäschel, Siegfried Grundmann und Heini Ludewig übersteigt das Niveau der übrigen Arbeiten bisweilen beträchtlich. Bei anderen Verfassern spürt man gelegentlich Vorbilder – Toni Maiers „Vernehmung“ zum Beispiel orientiert sich in Max von der Grüns Erzählung „Etwas außerhalb der Legalität“, schildert den vergleichbaren Sachverhalt freilich präziser und knapper als von der Grün. Bei aller formalen Vielfalt dominiert die realistische Schreibweise. Reportage und Ich-Erzählung mit ungebrochener Chronologie gehören zu den häufigsten Techniken, Textmontagen und impressionistische Reihung von Eindrücken werden sehen verwendet. Ein Autor trägt seine Geschichte in Form eines fiktiven Tagebuchs vor, ein anderer versucht sich (erfolglos) in einem expressionistisch anmutenden Telegrammstil. Bei mehreren Verfassern rutscht die Darstellung gelegentlich ins Naturalistische. Insgesamt fällt es auf, daß Angehörige von Büroberufen ihren Stoff gedanklich und sprachlich fast durchweg besser, bewältigen als Handarbeiter, daß bei diesen aber gesellschaftliche Einsichten weit mehr gefestigt erscheinen.

Der Stoff? Es klingt beinahe zynisch, wenn man sagt, er sei bereits bekannt. Da werden die verschiedenen Formen der Entfremdung beschrieben, die Absorbierung des Menschen durch eine sinnentleerte Arbeit. Detailliert wird die Verkümmerung der humanen Substanz geschildert und als unausbleibliche Folge des auf Profitmaximierung angelegten Arbeitsmechanismus dargestellt. An konkreten Beispielen erlebt man die Ausbeutung, der die Lohnabhängigen unterworfen sind. Ohne daß die fatalen Spruchweisheiten der Unternehmer zitiert würden, tut sich die Kluft zwischen verbal behaupteter Sozialpartnerschaft und den tatsächlichen Verhältnissen auf. In zahlreichen Variationen, hier gemildert, dort sehr kraß, bietet dieser Stoff noch einmal, was man schon gewußt hat: Er demonstriert die natürlichen Konsequenzen unserer Besitzstruktur und Gesellschaftsordnung. Zu spät ist aufgestanden, wer an Hand dieses Buchs solche alten Wahrheiten zur sensationellen Entdeckung umfrisieren will. Ihre Wirkung werden diese Schilderungen dennoch nicht verfehlen.

Die Herausgeber freilich haben „Ein Baukran stürzt um“ in ganz anderer als primär enthüllender und aufklärender Absicht publiziert. Adressaten dieser Texte sollen in erster Linie die Betroffenen selber sein, Angestellte und Arbeiter, keineswegs ein bürgerliches Publikum. Dem „Werkkreis 70 für Literatur der Arbeitswelt“ gilt die schriftliche Auseinandersetzung der Arbeitenden mit ihrer Tätigkeit als ein Mittel der Bewußtseinsbildung. Der Aufzeichnung eigener Erfahrungen ist eine klärende Funktion zugewiesen. Sie gibt – so die Einleitung – eine „Möglichkeit eigener, sinnvoller schöpferischer Tätigkeit und weckt damit das Verlangen nach einer auch sonst sinnvollen Tätigkeit im Rahmen des gesellschaftlichen Ganzen... Das Ergebnis, auf das unsere Arbeit zielt, ist eine Humanisierung der gesellschaftlichen Realität“. Dieser Ansatz ist durchaus sinnvoll, und er lohnt ein Experiment.