Anneliese Poppinga: „Meine Erinnerungen an Konrad Adenauer“; Deutsche Verlags-Anstalt, Stuttgart 1970; 354 S., 24,– DM.

Fast zehn Jahre, von 1958 an bis zu seinem Tode 1967, war Anneliese Poppinga Adenauers Sekretärin. Sie muß ihm eine treue Helferin gewesen sein und unentbehrlich, als er sich, ungern nur, nach seinem Rücktritt als Bundeskanzler der ungewohnten Mühsal unterzog, seine Erinnerungen zu schreiben. Der Tod hat ihn sein Werk nicht mehr vollständig abschließen lassen. Frau Poppinga muß darunter sehr gelitten haben, denn viele Vorgänge aus der Zeit nach seinem Rücktritt seien derart wichtig gewesen, daß sie es als „eine Pflicht“ empfunden habe, diese zu schildern und „damit zu versuchen, einen Wunsch Konrad Adenauers“ zu erfüllen.

Wer also glaubt, diese Sekretärinnen-Erinnerungen wären schlichtes Sich-erinnern an den großen alten Chef, eine Sammlung von persönlichen Erlebnissen, von Anekdoten vielleicht, sieht sich enttäuscht. Er muß gewärtig sein, daß hier ein kleiner weiblicher Eckermann getreulich aufnotierte, was Adenauer über Erhard, über die Sozialdemokraten, über Europa und de Gaulle, über die Nato im einzelnen und über die weltpolitische Lage im besonderen zu sagen wußte.

Sicher, vieles liest sich sehr hübsch, die Beschreibungen seines Lebens in Cadenabbia, die Weihnachtsfeiern mit seiner Großfamilie, die Reisenach Madrid oder sein Treffen mit de Gaulle. Aber Frau Poppinga will nicht so sehr ein atmosphärisches Bild ihres alten Chefs zeichnen, sondern vielmehr einen Beitrag zur Zeitgeschichte liefern. Und also notiert sie: „Aus der Sicht des Bundeskanzlers zeichnete sich folgendes Bild der außenpolitischen Lage.“ Und dann folgt eine Adenauer-Analyse, die mit den Amerikanern forsch ins Gericht geht. Genüßlich werden auch noch einmal die diversen Interviews mit „Bild“ oder „Bild am Sonntag“ festgehalten (ausführlich im Wortlaut), die seinem Nachfolger manchen Ärger machten.

Frau Poppinga singt das Hohelied auf Adenauer. Sie nennt ihn respektvoll über alle Seiten hinweg nur den „Bundeskanzler“ und gestattet sich keine ironischen Bemerkungen. Sie fühlt sich ein wenig in der Rolle einer Nachlaßverwalterin, die ein großes Erbe zu schützen hat. Kurz – sie betreibt Denkmalspflege. Darob soll sie nicht gescholten werden. Nur, es ist halt ein bißchen schade, daß sie sich ihre Ziele zu weit steckte – Adenauer als Staatsmann zu würdigen sollte sie getrost den Historikern überlassen. v. k.