Von Hermann Weber

Wie im letzten Jahr der 20. Gründungstag der Deutschen Demokratischen Republik, so ist nun der bevorstehende 100. Geburtstag Lenins für die Sozialistische Einheitspartei Anlaß, die Bedeutung ihres Staates hervorzukehren. Die Republik wird gepriesen als der fortschrittliche und moderne „deutsche Friedensstaat“, der sich auch in den siebziger Jahren „auf dem richtigen Weg“ befindet.

Ohne Zweifel verfügt der andere deutsche Staat am Beginn seines dritten Jahrzehnts über starke Wirtschaftskraft, politische Kontinuität und außenpolitischen Einfluß. Gleich der Bundesrepublik hat er sich als einer der stabilsten Staaten der jüngeren deutschen Geschichte erwiesen. Doch woher rührt diese bemerkenswerte Beständigkeit? Schon deswegen verdient jede geschichtliche Selbstdarstellung von drüben allgemeine Aufmerksamkeit, zumal die Führung betont, man könne und müsse aus der Geschichte lernen.

Die erste „Kurze Geschichte“ ihres Staates veröffentlichte die Einheitspartei erst fünfzehn Jahre nach der Staatsgründung; sie liegt (inzwischen auch in Russisch erschienen) jetzt in vierter überarbeiteter Auflage vor:

Stefan Doernberg: „Kurze Geschichte der DDR“; 4. durchgesehene und ergänzte Auflage; Dietz Verlag, Berlin (Ost) 1969; 750 S., 13,50 Mark

Doernberg beschreibt in vier umfangreichen Kapiteln die Entwicklung des andern deutschen Staates: die „antifaschistisch-demokratische Umwälzung“ 1945-1949, die „Schaffung der Grundlagen des Sozialismus“ 1949-1955, den „Sieg der sozialistischen Produktionsverhältnisse“ 1956-1961 und schließlich den „umfassenden Aufbau des Sozialismus“ 1961-1969. Diese Periodisierung entspricht dem tatsächlichen Verlauf der Geschichte: bis 1949 wurden die Grundlagen des Staates gelegt, 1949-1955 übertrug die sowjetische Besatzungsmacht den Stalinismus auf Deutschland, 1956-1961 wurde die Souveränität schrittweise zurückgegeben und das stalinistische System, abgeändert, und seit 1961 stabilisiert sich der andere deutsche Staat zum Juniorpartner der Sowjetunion.

Das Buch Doernbergs vermittelt sehr viele Sachinformationen, vor allem über den Aufschwung von Wirtschaft und Bildung. Die verschlungenen Wege bis zum Status von heute sind indessen aus dieser Arbeit kaum zu ersehen. Fakten werden durch einseitige „Parteilichkeit“ in den Hintergrund gedrängt, der Stil ist polemisch überspitzt, das Bild der Realität verzerrt, unangenehme Wahrheiten werden verschwiegen, etwa die Auswirkungen, die der Personenkult um Stalin hatte. Stalin wird kaum erwähnt, der Stalinismus als System totgeschwiegen.