Von Ben Witter

Udo Fiebig, Pfarrer in Lünen, Westfalen, betet nur, wenn er mit anderen Menschen zusammen beten kann. Er betet nie allein. Das Beten ist für ihn eine soziale Handlung. Bei besonderen Anlässen betet er auch mit seiner Frau. Ostern war der Frühstückstisch hübsch hergerichtet. Da betete er mit seinen Kindern. Er hat fünf Söhne und wünscht sich noch ein Mädchen dazu.

Pastor Fiebig ist ein Pastor im Wartestand; denn er ist Bundestagsabgeordneter (der SPD). Das Wartegeld beträgt 51 Prozent der Pension, die ihm jetzt zustehen würde. 1963 hatte er die Pfarrstelle in Lünen erhalten, in der Gemeinde Preußen, so genannt nach einer stillgelegten Zeche. Er ist 35 Jahre alt. Finanziell effektiv ist für ihn das Kindergeld. Er wohnt zur Miete in dem Einfamilienhaus eines wohlhabenden Bäckermeisters.

Wir saßen im Wohnzimmer. Pastor Fiebig führt seine Besucher nicht ins Arbeitszimmer. Er sagte gleich, daß Großvater und Vater schon Pfarrer gewesen seien. „Und ich bin es auch geworden. Es liegt eine gewisse Erbmasse vor, die mich stark zu den Geisteswissenschaften hinzog: Latein, Deutsch und Geschichte waren meine Lieblingsfächer in der Schule. Ich wurde Pfarrer, weil ich diesen Beruf anders auffaßte als die Alten. Ich bin der einzige Sohn, studierte in Göttingen und Bonn und zähle mich im weiteren Sinne zu den Bultmannschülern. Die Krise junger Theologiestudenten wird durch die Verstandesarbeit ausgelöst, mit der man den Glauben untersucht. Die Bultmannmethode ist eine Art Zertrümmerungsmethode; am Ende hat man nur noch ein kleines Häuflein Glauben vor sich. Das ist das einzige, was bei diesem Fegefeuer übrigbleibt...“

Pastor Fiebig war blaß. Er hatte Grippe. Beim nächsten Satz weiteten sich seine Pupillen: „Ich möchte es doch etwas positiver ausdrücken: Das, was übrigbleibt, gibt einem Vertrauen und Hoffnung, es dennoch zu versuchen mit der Theologie. Und was ich noch zum Beten sagen muß: miteinander zu beten ist wirklich die höchste Form der Kommunikation, sie ist noch höher als der sexuelle Akt. Glauben Sie mir: Mein Leben auf der Erde liegt nur in Gottes Hand, vor der Geburt, vor dem Tod und nach ihm. Für die direkte Frage Was ist nach dem Tod?, die immer häufiger gestellt wird, gebe ich jedem eine besondere Antwort. Einer Sechsundachtzigjährigen sage ich, was sie hören möchte, und einem Sechsundzwanzigjährigen, der im Sterben liegt, sage ich: Es gibt ein Jenseits, wo dein Leben kein Torso bleibt und es keine Fragen nach Leistungsnachweisen gibt! Und was gebe ich mir selber für eine Antwort auf solche direkte Frage? Für dich ist Leben nach dem Tode eine ungestörte Kommunikation mit, Gott.“

Pastor Fiebig hat Verben lieber als Substantive. Und er sieht aus wie ein Student im letzten Semester, der seinen blauen Anzug nicht schont.

Mit angezogenen Ellenbogen, vorgeneigt, den Blick auf seine Knie, sagte er: „In meiner Bergarbeitergemeinde wurde ich gleich gefordert. Die einzige Frage war: Wie kannst du den Menschen helfen, zu leben? Vom Rentenbescheid bis zur Wohnungssuche, von der Babyausstattung bis zur Gartenarbeit für den notorischen Säufer und den Obdachlosen von der Autobahn: ich half. Alle anderen, theologischen Fragen wurden daher fast bedeutungslos. In dieser Gegend sind die Leute ziemlich ungeniert; und wehe dem Pfarrer, der sich ein moralisches Urteil darüber anmaßt, daß eine junge Frau kurz nach der Trauung ein Kind kriegt. Hier werden die Feste gefeiert, wie sie fallen.“