Theobald von Bethmann Hollweg, Reichskanzler von 1909 bis 1917, also in der kritischsten Periode des wilhelminischen Reiches, ist als Staatsmann ohne fortune in die Geschichte eingegangen. Nicht zufällig hat er bis zum Jahre 1969 keine biographische Würdigung von wissenschaftlichem Rang gefunden. Schon während seiner Regierungszeit, von fast, allen politischen Richtungen angefeindet, geriet er in den zwanziger Jahren vollends in den Ruf eines politischen Versagers.

Seine „Betrachtungen zum Weltkriege“ hatte Bethmann Holl weg nicht zuletzt deshalb geschrieben, um die Angriffe der Rechten und insbesondere des Kreises um Tirpitz abzuwehren. Sie entstanden, nachdem er viele ehemalige Mitarbeiter die zumeist noch im Auswärtigen Amte wirkten, konsultiert hatte, und waren stark geprägt von der politischen Atmosphäre nach 1919, die von der Auseinandersetzung über die Schuld am Kriege bestimmt wurde. Daher blieben die Memoiren in kritischen Punkten wortkarg und ließen bestimmte Aspekte, wie etwa jenen der Pressebeeinflussung, absichtlich unberücksichtigt.

Die Aussagen Bethmann Hollwegs vor dem Untersuchungsausschuß der Nationalversammlung waren noch ungleich apologetischer gehalten, in einzelnen Punkten sogar objektiv irreführend. Beides trug dazu bei, das bisher herrschende Bild von Bethmann Hollweg und seiner Politik zu verfestigen. Den einen erschien Bethmann Hollweg als das Symbol einer Politik, die inmitten des imperialistischen Fieberwahns Maß gehalten und den Militärs, so gut es ging, Paroli geboten habe; für die anderen blieb er ein Hauptschuldiger an der Niederlage von 1918.

Die wissenschaftliche Biographie, die Friedrich Thimme in den zwanziger Jahren vorbereitete, in der Absicht, Bethmann Hollweg gegen seine einstigen Widersacher von rechts zu verteidigen und seine staatsmännische Größe der deutschen Öffentlichkeit wieder ins Bewußtsein zu bringen, blieb ungeschrieben. Erst ein Vierteljahrhundert später entstand dann eine neue hitzige Debatte, ausgelöst vor allem durch Fritz Fischers 1961 erstmals erschienenes Buch „Griff nach der Weltmacht“. Fischer, Geiss, Basler und, etwas behutsamer, auch Gutsche, schilderten nun Bethmann Hollweg als Exponenten deutschen Weltmachtwillens; Erdmann, Ritter und Zechlin hingegen werteten die Persönlichkeit des ersten Kriegskanzlers gerade umgekehrt als Beweis für die vergleichsweise maßvolle Ausrichtung der amtlichen Politik und hoben die Gegensätze zu den Militärs stark hervor.

Doch fehlte immer noch eine Untersuchung, die Person und Werk Bethmann Hollwegs umfassend und im Rahmen seiner Zeit darstellte. Eben dies versucht nun

Eberhard von Vietsch: „Bethmann Hollweg. Staatsmann zwischen Macht und Ethos“; Harald Boldt Verlag, Boppard 1969; 348 S., 36,– DM

Vietsch schildert den Lebensweg Bethmann Hollwegs von frühester Jugend bis in die einsamen Jahre nach dem Sturz. Er will die Lücke ausfüllen, die Thimme seinerzeit offengelassen hatte; doch sieht er sich nunmehr gezwungen, vor allem gegen die Kritiker Bethmann Hollwegs von links Front zu machen. Mit besonderer Liebe bemüht er sich, die familiäre Herkunft und die frühe Entwicklung Bethmann Hollwegs aufzuhellen glaubt er, doch, dessen geistige Vereinem freilich darwinistisch versetzten Idealismus spezifisch deutscher Eigenart sei der Schlüssel zum Verständnis auch seiner Politik. Vietsch sucht zu zeigen, daß Bethmann Hollweg einem humanitären Idealismus zugewandt gewesen sei, aus dem ein stets gespanntes Verhältnis zur Macht resultierte. Er kann sich dabei auf wichtige, bisher unbekannte Quellen berufen, insbesondere die Korrespondenz mit Dettingen.